Bestmögliche Rahmenbedingungen für gehörlose Studierende - GESTU wird fortgesetzt

Minister Töchterle, Vizerektor Prechtl sowie Lehrende und (ehemalige) Studierende der TU Wien informieren über "Gehörlos erfolgreich studieren an Universitäten in Wien"

Wien (OTS) - Gehörlose Studierende bekommen auch künftig bestmögliche Rahmenbedingungen: Das Projekt "GESTU - Gehörlos erfolgreich studieren an Universitäten in Wien" wurde gemeinsam mit dem Verein Österreichischer Gehörloser Studierender adaptiert, eine Fortsetzung ist in Planung. Das gaben heute Wissenschafts- und Forschungsminister Dr. Karlheinz Töchterle, Dr. Adalbert Prechtl, Vizerektor für Lehre an der TU Wien, Mag. Marlene Fuhrmann-Ehn, stv. Projektleiterin GESTU und TU-Behindertenbeauftragte, Mag. Barbara Hager, ehemalige Studierende und am GESTU-Aufbau beteiligt sowie Alexander Karla-Hager, Studierender der Wirtschaftsinformatik an der TU Wien und Vorstandsmitglied im Verein Österreichischer Gehörloser Studierender (VÖGS), in einem gemeinsamen Pressegespräch bekannt. "Gehörlose Studierende sollen möglichst barrierefrei studieren können - dazu leistet GESTU einen wesentlichen Beitrag", so Minister Töchterle.

2010 startete das Projekt "GESTU - Gehörlos erfolgreich studieren an der TU Wien" als Modellversuch. Damit wurde es gehörlosen Studierenden ermöglicht, unter entsprechenden Rahmenbedingungen an Universitäten in Wien zu studieren. Ziel ist es, durch verschiedene Maßnahmen die Barrieren für gehörlose Studierende abzubauen. Dazu zählen u.a. die Einrichtung einer Servicestelle zur Koordinierung der Gebärdensprachdolmetscher/innen und Tutoren/innen sowie die notwendige technische Ausstattung der Lehrveranstaltungen. Das als Modellversuch (konzipiert für vier Semester) gestartete Projekt wurde nun gemeinsam mit dem Verein Österreichischer Gehörloser Studierender adaptiert und soll fortgesetzt werden. Das Wissenschafts- und Forschungsministerium finanzierte das Projekt bisher mit rund 550.000 Euro. Die Eigenleistungen der TU Wien für Personal, Räume und Infrastruktur betragen bisher rund 150.000 Euro. Seitens des Ministeriums wird eine Zwischenfinanzierung in der Höhe von rund 225.000 Euro bis zum Beginn der nächsten Leistungsvereinbarungsperiode (Anfang 2013) zur Verfügung gestellt. Für den Zeitraum der nächsten Leistungsvereinbarungsperiode (2013 -2015) wird die Finanzierung vom BMWF zugesichert.

Der Modellversuch GESTU hat sich an der TU Wien räumlich und personell etabliert. Derzeit werden 13 gehörlose Studierende an Wiener Hochschulen betreut; sie studieren an der TU Wien (Wirtschaftsinformatik), der Uni Wien (Geschichte, Literaturwissenschaft, Molekularbiologie, Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Sportwissenschaften, Sprachwissenschaften), an der FH Campus Wien und an der Pädagogischen Hochschule Wien. Bisher haben zwei Studierende im Rahmen von GESTU ein Studium absolviert; eine Studierende hat die Fachhochschule für Sozialarbeit mit Diplom abgeschlossen, eine Studierende hat das Bachelorstudium der Geschichte abgeschlossen und im Sommersemester 2012 ihr Masterstudium begonnen. Eine weitere gehörlose Studierende hat ihre Diplomarbeit im Sommersemester 2012 an der Pädagogischen Hochschule Wien abgeschlossen, im September folgt die Diplomprüfung.

"Durch den Modellversuch GESTU wurde für die betreuten Studierenden eine wesentliche Verbesserung im Studienablauf erreicht. Um diesen Erfolg weitertragen und neue Studierende unterstützen zu können, ist die ausreichende Projektfinanzierung die wesentlichste Voraussetzung", erklärt Vizerektor Adalbert Prechtl.

Mag. Marlene Fuhrmann-Ehn, stv. Projektleiterin GESTU und TU-Behindertenbeauftragte hält fest, "dass es für das Gelingen der praktischen Umsetzung notwendig ist, dass alle österreichischen Universitäten und Fachhochschulen Unterstützungsmaßnahmen für gehörlose Studierende im Speziellen und für behinderte Studierende generell als gesellschaftlichen, aber auch wissenschaftlichen Wert erkennen, und sich aktiv an der Umsetzung beteiligen".

Mag. Barbara Hager, ehemalige Studierende und am GESTU-Aufbau beteiligt, meint: "Es ist eine Bereicherung, dass GESTU verwirklicht wurde und fortgesetzt wird. Ohne GESTU würde ein Studium für gehörlose Studierende extrem lang andauern - 20 Jahre -beziehungsweise wurden Gehörlose entmutigt, mit dem Studium überhaupt zu beginnen." Die Österreichische Gebärdensprache ist seit 2005 im österreichischen Bundesverfassungsgesetz als eigenständige Sprache anerkannt. Sie wurde damit offiziell als Erstsprache und Bildungssprache der Gehörlosen bestätigt. Deutsch als Lautsprache ist für Gehörlose die Zweitsprache, die wie eine Fremdsprache erlernt wird.

"Früher gab es für Gehörlose im tertiären Bildungsweg nicht wenige Schwierigkeiten. Zu meiner Studienzeit vor GESTU erlebte ich viele Hürden in der Kommunikation und mit der finanziellen Förderung", so Hager weiter. "Daher musste ich knapp über zehn Jahre als Einzelkämpferin an der Universität mein Psychologie-Studium durchsetzen. In anderen Ländern wie in Schweden und in den USA war schon damals ein volles Service für gehörlose Studierende selbstverständlich." Eigene Institutionen für die Erforschung der Gebärdensprachen und der Gehörlosenkultur (Deaf Studies) waren eingerichtet, wobei der Unterricht von gehörlosen Universität-Professor/innen abgehalten wurde. Die Projektteams "study now" und "erfolgreich studieren" haben mit dem VÖGS seit 2005 eine Initiative gesetzt und letztlich mit dem BMWF und der TU Wien die Bausteine für GESTU entwickelt. Was in Wien im Vergleich zu anderen Ländern noch fehle sei eine eigene Institution für die Erforschung der Gebärdensprache, der Gehörlosenkultur und Gebärdensprach-Dolmetsch.

Alexander Karla-Hager, Studierender der Wirtschaftsinformatik an der TU Wien: "Im Namen des VÖGS-Teams und aller gehörloser bzw. schwerhöriger Studierenden bin ich sehr erfreut, dass die GESTU-Servicestelle weiterhin erfolgreich fortgeführt wird und die Finanzierung des BMWF abgesichert ist. GESTU zeigt, dass barrierefreies Studieren an den Universitäten möglich ist. Die Fortführung des Projektes GESTU ist für VÖGS ein sehr wichtiges Anliegen, damit 13 gehörlose und schwerhörige Studierende ihr Studium zeitgerecht, ohne großen, administrativen Aufwand, barrierefrei und erfolgreich abschließen können." Ein weiteres Ziel des VÖGS sei die fortlaufende Erhöhung der Zahl von gehörlosen und schwerhörigen Akademiker/innen in Österreich. Dem VÖGS wäre es wichtig, dass GESTU in Zukunft für immer implementiert, ja sogar je nach Bedarf weiter ausgebaut und österreichweit institutionalisiert wird.

"Für mich als Studierenden an der TU Wien entlastet die Servicestelle GESTU einen Doppelaufwand: Das Organisieren von Aufträgen an die Gebärdensprachdolmetscher/innen wird für jede Lehrveranstaltung abgedeckt. Damit kann ich maximal fünf Lehrveranstaltungen pro Semester mit Übersetzung in die Österreichische Gebärdensprache besuchen. (Studierende ohne Behinderung besuchen zirka acht Lehrveranstaltungen pro Semester). Durch diese Maßnahme kann ich mich voll auf mein Studium konzentrieren und die Lehrenden in den Lehrveranstaltungen verstehen. Ich werde durch die Unterstützung von GESTU erfolgreich an der TU Wien studieren", so Karla-Hager. "Während des Studiums erlebe ich immer wieder einen Mangel an Gebärdensprach-Dolmetscher/innen, besonders in meinem Studienfach. Darum informiere ich die Öffentlichkeit, dass es einen hohen Bedarf an Gebärdensprach-Dolmetscher/innen gibt."

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