Finale-Problem in der Ukraine - Leitartikel von Floo Weißmann

Die Fußball-Europameisterschaft hat an den politischen Zuständen in der Ukraine vorerst offenbar nichts geändert.

Innsbruck (OTS/TT) - Das Ausscheiden der deutschen Nationalelf
bei der Fußball-EM hat Kanzlerin Angela Merkel von einem Problem erlöst. Sie braucht keinen Plan mehr dafür, wie sie im Stadion dem ukrainischen Staatschef Viktor Janukowitsch ausweicht, den die EU wegen autoritären Herrschens verschmäht. Merkels "Finale-Problem", wie der Spiegel getitelt hatte, betrifft stattdessen heute Abend ihre Amtskollegen aus Spanien und Italien.

Janukowitsch wird sich freuen, dass der angekündigte Ukraine-Boykott durch die EU-Spitzen nicht gehalten hat. Überhaupt darf der Präsident, der sein Land in die Zeit vor der Orangen Revolution zurückversetzt hat, mit der Fußball-EM zufrieden sein. Die Ukraine lag für kurze Zeit im Zentrum Europas, und zumindest die Elite hat Spaß und Spannung erlebt und Kasse gemacht. Und all das war ohne politisches Zugeständnis möglich. Die Oppositionschefin Julia Timoschenko liegt weiterhin schwer krank im Gefängnis und bleibt für die Wahl im Herbst abmontiert. Jeden geplanten Protest, etwa der Feministinnen-Gruppe "Femen", hat die Polizei erfolgreich verhindert. Ab dem ersten Ankick galt die nahezu ungeteilte Aufmerksamkeit ohnehin den Fußballspielen und -spielern, und nach Meinung vieler Fans sollte das auch so sein.

Die Hoffnung vieler Westeuropäer, dass die internationalen Scheinwerfer das Regime in Kiew erwärmen und zu Zugeständnissen bewegen würden, hat sich nicht bewahrheitet. Vorerst läuft alles weiter wie bisher. Eine Veränderung kann, wenn überhaupt, nur von innen kommen. Vielleicht steigt ja der Frust vieler Ukrainer, wenn der Fußball- und Fan-Zirkus wieder abgezogen ist und ihre alltäglichen Schwierigkeiten noch deutlicher zu Tage treten. Es ist zwar nicht davon auszugehen. Aber es ist auch nicht auszuschließen, dass sich die Ukrainer eines Tages auch ihrem Finale-Problem stellen.

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