Bindung kommt vor Bildung

Bei dem Ruf nach einem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr muss Qualität vor Quantität gehen!

Wien (OTS) - Was haben Integrationsstaatssekretär Kurz, WKO-Präsident Leitl, die Grüne Integrationssprecherin Alev Korun und SPÖ-Kinder- u. Jugendsprecherin Angela Lueger gemeinsam? Sie alle fordern ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr und nehmen dabei immer wieder den Begriff "Frühe Förderung" in den Mund. Die Idee, die oftmals hinter dieser Forderung steht, ist vor allem die Förderung der Sprachkompetenz, um eine bessere Basis für den Schuleinstieg zu schaffen.

Dieses Ziel ist grundsätzlich sehr zu unterstützen, aber: "Bei Frühkindlicher Förderung geht es um wesentlich mehr," betont Prim. Dr. Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendheilkunde. "Frühkindliche Förderung bedeutet vor allem, die Kinder zu unterstützen, Bindungen aufzubauen, die ihnen helfen, das notwendige Vertrauen in ihr Umfeld, ihre Bezugspersonen und vor allem in sich selbst, zu entwickeln." Und: "Der Kindergarten muss primär auch für Kinder da sein, welche eine besondere Entwicklungsförderung in verschiedensten Bereichen brauchen".

Dazu braucht es neben emphatischen und kompetenten Eltern, die von der Gesellschaft positiv unterstützt werden, auch PädagogInnen, die entsprechend ausgebildet sind, die liebevoll anleiten und feinfühlig führen. "Kinder benötigen bekanntlich in allererster Linie sichere Bindungen zu einfühlsamen Bezugspersonen in einem anregenden Erziehungsumfeld," weiß Univ.Prof.DDr. Lieselotte Ahnert, Institut für Entwicklungspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien, aufgrund entsprechender Studien. "Erst auf diesem Boden können Kinder ein Bildungsangebot gut und fruchtbar annehmen", ergänzt Vavrik.

Außerfamiliäre Betreuung ist aus unterschiedlichen Gründen eine wichtige und notwendige Ergänzung zur familiären Förderung. Eine professionelle Ausbildung des Betreuungspersonals wird deshalb als dringend notwendig erachtet, damit die entwicklungsfördernden Unterstützungsmaßnahmen auch greifen können. Auch hier sieht Ahnert in Österreich einen großen Nachholbedarf. In den Ausbildungsprogrammen der BAKIP hat die Frühpädagogik für KindergartenpädagogInnen kaum Eingang gefunden. Die KindergartenhelferInnen sind zudem mehr oder weniger unausgebildet. Der Betreuungsschlüssel in den Kindergartengruppen passt meist nicht, da ein chronischer Personalmangel immer wieder zu Überschreitung kindgerechter Gruppengrößen führt.

Der Ruf nach einem zweiten Gratis-Kindergartenjahr ist durchaus richtig, aber aus fachlicher Sicht ist die Voraussetzung, dass der Betreuungsschlüssel in den Gruppen passt und die KindergartenpädagogInnen für die frühkindliche Förderung besser ausgebildet sind. Oder, wie Vavrik sagt: "Statt Quantität braucht es vielmehr Augenmerk auf Qualität in der frühen Förderung."

Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit

Die Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit ist ein interdisziplinärer Dachverband für alle im Feld der Kinder- und Jugendgesundheit tätigen Fachgesellschaften und Berufsverbände, für alle mit Versorgungsaufgaben oder Wissenschaft und Lehre befassten Institutionen und Einzelpersonen sowie einschlägigen Interessensvertretungen der Selbsthilfe, Eltern und Betroffenen. Sie ist eine gemeinnützige, überparteiliche und überkonfessionelle Initiative.

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