Die Presse am Sonntag - Leitartikel: "Brief an unsere neuen deutschen Freunde", von Christian Ultsch

Ausgabe vom 24.06.2012

Wien (OTS) - Seit Königgrätz haben wir immer zu den anderen gehalten, wenn ihr Deutschen aufs Fußballfeld gelaufen seid. Jetzt könnt ihr ruhig Europameister werden. Dafür erwarten wir aber eine Gegenleistung.

Liebe Deutsche, es hat sich vielleicht noch nicht ganz bis Usedom herumgesprochen, aber wir haben euch auf einmal lieb. Stellt euch vor, die Hälfte von uns hat gar nichts dagegen, wenn ihr Fußballeuropameister werdet. Und das Moussaka, das Özil, Khedira & Co. im Viertelfinale aus der griechischen Betonabwehr gemacht haben, finden die meisten von uns auch dufte. Die Griechen gehören raus aus der Euro, da sind wir uns ganz einig.
Mein eigener Sohn rennt seit Monaten ungeniert mit einem Lukas-Podolski-Leiberl durch die Gegend. Nicht jeden Tag natürlich. Er hat ja auch Trikots von Schalke, Bremen, Bayern-München und Gladbach. Vor ein paar Jahren wäre das in Österreich unmöglich gewesen. Verantwortungsbewusste Eltern hätten so etwas nicht geduldet. Ein Bub, ein Junge also, mit einem Berti-Vogts-Trikot im Park? Undenkbar! Wobei: Das wäre wahrscheinlich auch bei euch undenkbar gewesen - ein Berti-Vogts-Fan. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie das früher war: Wenn die Deutschen gespielt haben, haben wir prinzipiell zu den anderen geholfen, egal, ob sie aus Albanien, Nordkorea oder der Sowjetunion gekommen sind. Und als ihr 1998 im Viertelfinale gegen Kroatien (0:3!) ausgeschieden seid, haben bei uns die Leute vor Freude auf der Straße getanzt.
Jetzt ist alles anders. Und das liegt nicht nur daran, dass Deutschland schöner spielt. Beckenbauer, Breitner und Müller waren ja auch keine Hydranten; trotzdem ist keine Sympathiekundgebung für die Weltmeister von 1974 überliefert. Nein, das geht tiefer. Die Jungen hassen euch Piefkes nicht mehr. Das kommt vom vielen Fernsehen. Na, und verändert habt ihr euch ja auch. Viel lockerer und entspannter seid ihr geworden, nicht mehr so steif und überkorrekt. Deshalb haben wir alle eure Gemeinheiten vergessen: Königgrätz, den Anschluss und so.
Früher haben wir über euch gelacht, weil ihr so humorlos wart. Aber jetzt lachen wir über eure Komiker. Manche finden sogar Atze Schröder lustig; man kann es auch übertreiben mit der Liebe zu euch. Wenn das so weitergeht, werden sich bald deutsch-österreichische Urlaubsgemeinschaften auf dem Ballermann bilden. Der neue Raiffeisen-Chef überlegt angeblich auch schon, ob er statt des Sauschädl-Essens einmal pro Jahr ein Eisbein-Essen gibt.
Liebe Deutsche, wir haben unsere Herzen geöffnet und auch schon viel getan für euch. Ihr wisst ja selbst, dass Jogi Löw sein Trainerhandwerk bei der Austria gelernt hat. Vielleicht könnt auch ihr uns einmal entgegenkommen. Seid bitte so nett, und gebt ein paar von unseren Kapazundern eine Chance. Der Faymann Werner zum Beispiel, den eure Kanzlerin schätzt, weil er ihr alles nachplappert, wäre ein super Wohnbaustadtrat für Düsseldorf; dort gibt es genug zu tun. Und unser Austropop-Titan Reinhard Fendrich passt sicher auch gut in Bohlens "Supertalent"-Jury. Und für Marko Arnautovic haltet bitte ein Plätzchen als Polizeisprecher in Bremen frei, aber erst nachdem er und Alaba euch aus der WM-Qualifikation geschossen haben. Wir haben euch ganz doll lieb, ehrlich.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
chefvomdienst@diepresse.com
www.diepresse.com

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001