WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Andere Länder, andere Sitten - von Hans-Jörg Bruckberger

USA vs. EU: "Just do it" oder "Darüber müssen wir diskutieren"

Wien (OTS) - Amerikas Notenbank greift erneut in die Trickkiste.
Um der schwächelnden Konjunktur zu helfen, wird das auslaufende Programm "Operation Twist" bis Jahresende fortgesetzt. Im Zuge dessen werden Vermögensbestände in längere Laufzeiten umgeschichtet, wodurch der langfristige Zins gesenkt und die Wirtschaft via günstige Kredite gestützt werden soll. Dafür nimmt die Fed weitere 267 Milliarden $ in die Hand. Zugegeben, dem Markt war das zu wenig, der hat auf mehr gehofft. Genau das hat die Fed aber in Aussicht gestellt, sollte sich die Situation nicht bessern. Daran wird wieder einmal der Unterschied zwischen den USA und Europa deutlich (siehe dazu auch S. 20).

Während in unseren Breiten Grundsatzdebatten darüber geführt werden, wer wem und ob überhaupt helfen soll und was die Langfristfolgen wären, wird in den USA einfach gehandelt. Dahinter steckt mehr als eine unterschiedliche Politik. Der Amerikaner gründet ein Unternehmen, geht pleite und gründet das nächste, der Europäer überlegt indes, ob er überhaupt den Sprung in die Selbstständigkeit wagen soll.

Die unterschiedliche Grundhaltung zieht sich durch alle Bereiche. Wir bauen Häuser für die Ewigkeit, die Amerikaner für die Zeit bis zum nächsten Umzug oder Hurrikan. Die Politikwissenschaft baut in den USA stark auf modernen ökonomischen, mitunter mathematischen Theorien auf (was in der Regel praxisbezogen ist), an europäischen Universitäten setzt man sich indes intensiv mit den theoretisch-philosophischen Konstrukten von Marx über Kant bis Hayek auseinander.
Und natürlich mit den alten Griechen. Womit wir bei der Schuldenkrise wären: Man merkt in so gut wie jedem Kommentar von Ökonomen, Fondsmanagern oder Analysten, aus welchem Land sie stammen: Die Briten erklären den Euro gern für tot, die "Euro-Päer" philosophieren über Gott und die Welt, aber ja nicht über eine Lockerung der Geldpolitik. Das wiederum ist das amerikanische Allheilmittel. Starökonom Kenneth Rogoff hat vor Kurzem gegenüber dem WirtschaftsBlatt von Notenbanken weltweit eine aggressive quantitative Lockerungspolitik gefordert und vor allem die EZB kritisiert: Es sei nicht zu begreifen, dass sich diese immer noch um die Inflation sorge, die verglichen mit den anderen Problemen gegenwärtig doch zu vernachlässigen sei. Guter Punkt. Wenn jemand kurz vor dem Ersticken ist, sollte man nicht darüber diskutieren, wer nun den Luftröhrenschnitt macht. Und auch nicht darüber, was für unschöne Narben das verursacht.

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