Fußball-EM: Menschenrechte sind für ÖFB kein Kriterium bei der Wahl von EM-Gastgebern

Debatte über politische Verantwortung von Sportverbänden bei Großereignissen

Wien (OTS) - Menschenrechtsverletzungen und soziale Missstände
im EM-Austragungsland Ukraine, Hooligan-Gewalt während des Turniers in Polen - was hat das mit den Fußballspielen zu tun und was geht es die Spieler und Funktionäre an? Darüber wurde gestern in der ATV-Diskussionssendung "Am Punkt" heftig debattiert. Einen eindeutigen Standpunkt nahm der Medien-Direktor des ÖFB Wolfgang Gramann ein. Er verteidigte die Öffentlichkeitsarbeit des Europäischen Fußballbundes UEFA, etwa bei der Auswahl der TV-Bilder keine politischen Proteste im Stadion oder Fan-Krawalle zu zeigen:
"Dass die UEFA als Ausrichter nicht besonderes Interesse daran hat, diese Szenen zu transportieren, ist klar, und das ist auch ihr gutes Recht", so Gramann, "der Sport soll Sport bleiben und die Politik soll Politik bleiben, der Sport kann nicht die Aufgaben der Politik übernehmen."

Die ATV-Sportjournalistin Elisabeth Auer widersprach ihm: "Ich kann als UEFA nicht in ein Land gehen und wirtschaftspolitisch über einen gewissen Zeitraum eine große Rolle spielen, aber sagen:
außerhalb des Stadions geht mich das alles nichts an. Ich kassiere rundherum auf den Bannmeilen Geld ab, aber die Demonstranten, damit habe ich nichts zu tun. Als UEFA hat man eine Verantwortung, Stellung zu beziehen. Die UEFA spricht sich auch ganz klar gegen Rassismus aus, warum spricht sie sich nicht auch für die Einhaltung der Menschenrechte aus?" Auer forderte, dass diese Bedingung bei der Vergabe der EM oder WM sein sollte. Das sieht Gramann anders: "Es kann nicht die Aufgabe des Sports sein zu entscheiden: gibt es möglicherweise Menschenrechtsverletzungen, kann ich nicht hingehen", sagte der ÖFB-Mediendirektor, "die UEFA entscheidet nach sportlichen, infrastrukturellen Kriterien."

Auf die Twitter-Frage eines ATV-Zuschauers, ob das bedeute, dass die UEFA und FIFA ihre Bewerbe auch "in Nordkorea oder einem Pendant zu Hitler-Deutschland ausrichten" würden, antwortete Gramann, die Beispiele seien etwas überspitzt, aber er sei davon überzeugt, dass keine Bewerbe an Länder vergeben würden, deren "politische Lage es überhaupt nicht zulässt, eine Veranstaltung dort auszurichten."

Zur Frage, ob sportliche Großveranstaltungen an Länder mit fragwürdiger Menschenrechtslage vergeben werden sollte, äußerte sich auch Skilegende Karl Schranz in "Am Punkt". Zum einen würden solche Ereignisse den Bewohnern viel Freude bringen, zum anderen würden die Gastgeber zwangsläufig mit demokratischen Werten konfrontiert. So sei etwa die Wahl Pekings für die Olympischen Spiele 2008 richtig gewesen. In diesem Zusammenhang kritisierte Schranz auch die Entscheidung zahlreicher europäischer Politiker, die EM-Spiele in der Ukraine wegen der Inhaftierung der ehemaligen Ministerpräsidentin Julia Timoschenko zu boykottieren. "Wenn die Politiker an Ort und Stelle protestiert hätten, wäre es viel besser gewesen", sagte Schranz in "Am Punkt".

Auch für den Generalsekretär von Amnesty International Österreich Heinz Patzelt ist ein Boykott keine ideale Lösung. In "Am Punkt" sagte er, man könne ruhig eine EM oder Olympische Spiele an ein Land wie die Ukraine geben. Aber nur, wenn man dort auch auf die Menschenrechtslage versuche einzuwirken: "Organisationen wie die UEFA müssen sich bewusst darüber sein: warum will mich die Regierung dieses Landes haben? Um ihr Image zu verbessern, dafür gibt es ja auch viel Geld und dieser Verantwortung muss man sich stellen. Man muss sich klar sein: entweder ist man Feigenblatt oder man muss Position beziehen." Das gelte auch für die Spieler, so Patzelt. So wäre für ihn eine Möglichkeit gewesen, dass die Mannschaften mit schwarzen Bändern an den Armen auflaufen, um auf die Menschenrechtslage hinzuweisen. Schranz widersprach: Man könne die Spieler nicht für die Politik zur Verantwortung ziehen. "Der Sportler hat im Kopf, dass er trainieren will, dass er gewinnen will. Dies mit der Politik zu vermischen, das ärgert mich", so Schranz.

Auch Ex-Fußballer Fredie Schinkels meinte in "Am Punkt", dass Spieler nicht die Versäumnisse der Politik auszubaden hätten. Gleichzeitig lobte er den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft Philipp Lahm dafür, dass er Demokratie-Defizite in der Ukraine offen kritisiert habe. Wichtiger sei aber, dass Fußballer dann auch handelten, z.B. ihre Siegprämie für gute Zwecke in dem Gastgeberland spendeten.

Zur Frage, ob Menschenrechte ein Kriterium bei der Vergabe von Europa- oder Weltmeisterschaften seien, hatte Schinkels in "Am Punkt" eine klare Meinung: "Geld regiert die Welt", das zeige auch das Beispiel Katar (das Emirat wird die Fußball-WM 2022 austragen): "Das Argument, das Katar gebracht hat, heißt Geld, und FIFA und UEFA sind ganz geil auf das Geld und da kann ich sogar in meinem Garten etwas veranstalten, wenn der (UEFA-Präsident) Platini weiß, da kann man mit einem Hubschrauber landen und da können wir ein kleines Stadion bauen."

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