LK Wien forciert Agrarbetriebe als moderne Gesundheits- und Pflegedienstleister

Erste "Green Care"-Tagung vereinte Agrar-, Sozial-, Gesundheits- und Bildungsvertreter

Wien (OTS) - Die Landwirtschaftskammer Wien gab gestern mittels erster "Green Care"-Tagung in Schönbrunn den Startschuss, um ihr gesundheitsorientiertes Pilotprojekt von Wien ausgehend auf eine bundesweite und breite Basis zu stellen. "5,5 der 8,4 Mio. ÖsterreicherInnen leben in 34 Stadtregionen. Für diese 66% unserer Bevölkerung gilt es angesichts steigender Gesundheitskosten innovative Maßnahmen in den Bereichen Pädagogik, Therapie, Pflege und soziale Arbeit zu finden. Green Care, also die Betreuung von Menschen in Verbindung mit Natur und Landwirtschaft, ist eine solch neuartige Lösung, für die wir wichtige VerantwortungsträgerInnen aus allen relevanten Bereichen gewinnen wollen", betonte Robert Fitzthum, Direktor der LK Wien, vor über 200 TagungsteilnehmerInnen.

Green Care erweitert agrarische Produktpalette

"Green Care ist eine Win-Win-Win-Situation für alle Beteiligten. So können nicht nur die betreuten Menschen, wie Kinder, Jugendliche, Menschen mit Behinderung , ältere Menschen, Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen (wie z.B. Burnout), oder langzeitbeschäftigungslose Menschen, nachweislich davon profitieren und das Gesundheitssystem entlastet werden. Green Care ist neben Urlaub am Bauernhof und Direktvermarktung auch eine große Chance für die bäuerlichen Betriebe, sich breit aufzustellen und zukunftsfit zu werden. Es kann die agrarische Produktpalette erweitern, der Verringerung der Agrarbetriebszahlen entgegenwirken und künftig einen wesentlichen Beitrag zur Bildung und Gesundheit der Stadtbevölkerung leisten", unterstrich NR Ing. Franz Windisch, Präsident der Landwirtschaftskammer Wien.

Agrarbetriebe interessiert - verschiedenste Fördermöglichkeiten

Laut Projektleiterin Nicole Prop ist das Interesse der landwirtschaftlichen Betriebe schon jetzt bemerkenswert. Obwohl das Projekt erst vor einem Jahr ins Leben gerufen worden ist, konnten bereits rund 60 Anfragen von potenziellen Green Care-LandwirtInnen aus allen Bundesländern verzeichnet werden. "Fünf konkrete Projekte befinden sich in Wien derzeit in der Pipeline", so Prop. Schon jetzt gebe es einzelne innovative Projekte wie den steirischen Adelwöhrerhof, auf dem 14 ältere Menschen ihren Lebensabend verbringen, mitarbeiten, aber auch gepflegt werden können. Die LK Wien, die auch über mögliche Förderschienen berät, versteht sich als Plattform, um landwirtschaftliche Betriebe, Trägerorganisationen, Finanziers, Klienten und weitere Interessierte zu vernetzen. Ziel ist es, gemeinsam effiziente Dienstleistungen und entsprechende Standards zu entwickeln und umzusetzen, erläuterten Windisch und Fitzthum.

Green Care auf Krankenschein noch Zukunftsmusik

Welche Herausforderungen im Gesundheits- und Sozialversicherungsbereich bei der flächendeckenden Umsetzung von Green Care noch zu nehmen sind, erläuterten Universitätsprofessor Christian Köck von der HCC Health Care Company GmbH und die Sozialversicherungs-Expertin Beate Hartinger-Klein. Wirtschaftskrise und Überlastung des Gesundheitssystems seien aktuelle Probleme, so Köck. "Green Care kann ein Beitrag sein, um effiziente Strukturen in unserem Gesundheitssystem zu schaffen", so Köck. "Green Care ist ein wunderbares Modell, weil es sektorenüberschreitend und kreativ ist und die Eigenständigkeit der Patienten stärkt", so der Mediziner. Die Sozialversicherungsexpertin Hartinger zeigte sich überzeugt, dass Green Care Zukunftspotenzial habe, es aber noch ein langer Weg sei, bis dieses Angebot auf Krankenschein zu bekommen sei. Eine wichtige Voraussetzung sei die Entwicklung entsprechender Leitlinien und standardisierter Behandlungskonzepte. Kritisch sieht Hartinger, dass 95% der Gesundheitskosten auf "Reparaturmedizin" entfallen und nur 5% auf vorbeugende Maßnahmen.

Green Care wirkt nachweislich und macht glücklich

Wie positiv sich eine Gartentherapie auf die Gesundheit und das Wohlbefinden von Senioren auswirken kann, unterstrich der Mediziner Fritz Neuhauser vom Geriatriezentrum am Wienerwald. Primar Andreas Remmel und die Psychotherapeutin Doris Gilli vom Psychosomatischen Zentrum Waldviertel berichteten, welch erstaunliche Effekte eine tiergestützte Therapie - etwa mit Pferden - auf Patienten mit Angstzuständen, Burnout, Essstörungen oder Borderline-Syndrom haben kann. Dass Green Care wirkt, verdeutlicht auch eine Untersuchung der Wissenschaftlerin Dorit Haubenhofer, die rund 200 diesbezügliche Studien aus aller Welt einer Bewertung unterzogen hat. Sie betonte, dass es unzählige Hinweise auf die positiven Effekte von Green Care gebe und die Forschung in diesem Gebiet intensiviert werden müsse.

Qualifikation und Berufsbild als wichtige Voraussetzung

Im einfachsten Fall stellen die Bauernhöfe den Trägerorganisationen wie etwa Betreuungseinrichtungen von behinderten Menschen Infrastruktur, also Räumlichkeiten oder Agrarflächen, zur Verfügung, was finanziell abgegolten wird. Es besteht aber auch die Möglichkeit für die Bäuerinnen und Bauern, selbst derartige Dienstleistungen anzubieten. "Zu diesem Zweck bedarf es einer entsprechenden Qualifikation und eines eigenen Berufsbildes, um nicht in den Ruf der Scharlatanerie zu kommen", betonte Thomas Haase, Rektor der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik. Er legte dar, wie wichtig ein zertifiziertes Bildungsangebot ist, und forderte darüber hinaus ein eigenes Green Care-Gesetz. In seinem Haus ist derzeit der europaweit vorbildhafte Masterstudiengang Green Care in Vorbereitung, für den es bereits zahlreiche Voranmeldungen gibt. Auch das Österreichische Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung und die Veterinärmedizinische Universität verfügen über ein entsprechendes Bildungsangebot im Bereich der tiergestützten Therapie und Pädagogik.

"Wir werden beim Vorantreiben von Green Care nicht locker lassen. Unterstützung ist aus allen Sektoren gefordert, denn nur gemeinsam können wir ein derartiges sektorenübergreifendes Vorhaben entwickeln und umsetzen", betonte der LK Wien-Direktor, dessen Projektleiterin Prop auch auf unzählige positive Beispiele aus anderen Ländern wie Holland verwies.

"Green Care" - das Projekt

"Green Care" ist ein Pilotprojekt der Landwirtschaftskammer Wien mit Unterstützung von Bund, Land und Europäischer Union. Das Projekt erweitert die herkömmliche landwirtschaftliche Produktpalette der Landwirte um pädagogische, therapeutische und pflegerische Produkte sowie soziale Arbeit und leistet damit einen Beitrag zu Bildung und Gesundheit der Stadtbevölkerung. Das Wiener Pilotprojekt läuft bis zum Jahr 2013 mit dem Ziel, Green Care künftig österreichweit umzusetzen. Nähere Informationen unter www.greencare-wien.at.

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Rückfragen zum Thema
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