TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 20. Juni 2012, von Peter Nindler: "Am Ende der Autonomie"

Innsbruck (OTS) - Die Südtirol-Autonomie ist ein hart erkämpftes Erfolgsmodell für die Lösung von Minderheitenkonflikten. Doch mehr denn je wird über eine noch stärkere politische Abgrenzung gegenüber dem italienischen Staat diskutiert.

Just zum 20. Jahrestag der Streitbeilegung zwischen Österreich und Italien sucht Südtirol ein politisches Nachfolgemodell für die weltweit anerkannte Autonomie, die das friedliche Zusammenleben von Volksgruppen garantiert. Vom Pariser Abkommen 1946, der Magna Charta Südtirols, über die Internationalisierung der Südtirol-Frage vor der UNO 1960, die Feuernacht ein Jahr später, das Inkrafttreten des zweiten Autonomiestatuts 1972 bis zum Paketabschluss 1992 war es ein langer Weg. Der vor zwei Jahren verstorbene Silvius Magnago war der politische Vater der Autonomie, sein Nachfolger als Landeshauptmann, Luis Durnwalder, hat mit seiner Politik der "dynamischen Autonomie" den Sonderstatus Südtirols gegenüber Rom erweitert.
So sehr Durnwalder ein Garant für den gelebten politischen Pragmatismus mit der römischen Regierung ist und gleichzeitig für den inneren Ausgleich in Südtirol steht: Auch er muss zeitgemäße Antworten auf die Frage finden, wie er die Autonomie für Südtirol noch weiterentwickeln kann. Da geht es nicht nur um weitere Zugeständnisse Roms, die die Eigenverantwortlichkeit gegenüber der italienischen Zentralregierung stärken sollen, sondern um politische Visionen. Und diese werden selbstverständlich vom Gedanken der Eigenstaatlichkeit genährt.
Das hat mit rückwärtsgewandten Ideen nichts zu tun, obwohl dies die volkstumspolitische Intoleranz der deutschsprachigen Oppositionsparteien gegenüber der von der Südtiroler Volkspartei (SVP) beschworenen Vollautonomie vermuten lässt. Der Realismus trennt die Zukunftsprojekte, denn Durnwalder und die SVP begegnen den Forderungen nach einem Freistaat oder einer Wiedervereinigung Tirols mit ihrem politischen Ziel der Vollautonomie. Mit Ausnahme der Außen-und Verteidigungsagenden sollen alle Verwaltungskompetenzen Bozen übertragen werden.
Durnwalder macht damit zwei Schritte vorwärts und einen zurück, ohne die Vision von der Überwindung des historischen Unrechts der Zerreißung Tirols aufzugeben. Das Beharren auf der österreichischen Staatsbürgerschaft für Südtiroler untermauert seine politische Absicht. Hinter der Vollautonomie steckt jedoch ein zweiter Gedanke:
Es ist ein Auftrag des bald 71-jährigen Durnwalders an seine Nachfolger, die sich bereits um seine Thronfolge streiten. Sie sollen sein politisches Erbe nicht bewahren, sondern gefälligst dynamisch erweitern.

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