WirtschftsBlatt-Leitartikel: "Guttenbergen" auf Rumänisch - von Eva Konzett

Die Kuverts beeinhalten keine Urlaubsgrüße

Wien (OTS) - Lass mal guttenbergen": So spricht der deutsche Jugendliche von heute, wenn er abschreiben will. Der Skandal um die kopierte Doktorarbeit des bayrischen Freiherren hat Eingang in die Alltagssprache unseres Nachbarlandes gefunden. Es darf vermutet werden, dass in Ungarn seit dem Rücktritt von Präsident Pal Schmitt -der Teile seiner Doktorarbeit ebenfalls nicht nach wissenschaftlichem Usus gekennzeichnet hatte - ähnliche Begriffe in den Schulen verwendet werden. Vielleicht können rumänische Schüler bald den Namen ihres Premiers Victor Ponta gleichermaßen wortkreativ bearbeiten:
Auch er wird seit dieser Woche von mehreren Zeitungen des Plagiats bei seiner rechtswissenschaftlichen Doktorarbeit aus dem Jahr 2003 beschuldigt.

Ponta mag nicht ordentlich zitiert haben, seine Doktorarbeit mag den akademischen Standards nicht entsprechen. Peinlich für den Premierminister - typisch für Rumänien? Das Bildungssystem gilt als äußerst korrupt. An den Universitäten ist es gang und gäbe, am Ende des Semesters Kuverts zu überreichen. Sie beinhalten weniger Urlaubsgrüße der Studenten an den beliebten Professor als die monetäre Garantie für eine gute Note beziehungsweise die Zulassung zur Prüfung überhaupt. Als im vergangenen Jahr bei den Reifeprüfungen Überwachungskameras in den Prüfungsräumlichkeiten verpflichtend eingeführt wurden, hat landesweit weniger als die Hälfte der Schüler die Prüfung bestanden, in einigen Gymnasien fielen ganze Klassen durch. Zuvor hatte seit der Jahrtausendwende die Rate der bestandenen Maturaprüfungen das Niveau von 70 Prozent nicht unterschritten. Derweil schmücken sich die Privatuniversitäten mit den Namen der großen Denker des Landes - ihre Abschlüsse entsprechen der akademischen Sorgfalt eines Dimitrie Cantemir, Spiru Haret, und wie sie alle heißen, indes keineswegs.

So kommt es, dass mancher Bewerber mit schmuckem Lebenslauf und zwei oder mehreren Abschlüssen beim Praxistest im Unternehmen die Qualifikationen auf dem Papier nicht erfüllen kann - ein Umstand, den auch ausländische Investoren immer wieder kritisieren.

Ponta arbeitet allerdings nicht für eine ausländische Firma, sondern beim rumänischen Staat. Seine Evaluation wird die rumänische Bevölkerung bei den Wahlen im Herbst vornehmen. Laut Beobachtern dürfte dabei weniger die echte oder "erschlichene" akademische Würde des Premiers das Resultat beeinflussen. Der Premier muss eine Wachstumsstrategie für das Land vorstellen - wenn er nicht als Fußnote in die rumänische Politikgeschichte einzugehen plant.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001