Studie zeigt Wege für Bildungserfolg für junge Menschen mit Migrationsgeschichte

Gemeinsame Pilotstudie von IV, Integrationsstaatsekretariat, BMUKK, AMS und Caritas - Migranten fehlt häufig Wissen um das Funktionieren des österreichischen Bildungssystems

Wien (OTS/PdI) - Menschen mit Migrationshintergrund, sowohl in bildungsnahen als auch in bildungsfernen Familien, sind sehr an Bildung und Bildungsaufstieg interessiert, gleichzeitig fehlt ihnen oft das Wissen um das Funktionieren des Bildungssystems, insbesondere, dass Bildungserfolg im österreichischen Bildungssystem die Mitwirkung der Eltern und Familie voraussetzt. Dies zeigt eine Pilotstudie, die vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (ibw) im Auftrag der Industriellenvereinigung (IV) gemeinsam mit den Kooperationspartnern Integrationsstaatssekretariat im Bundesministerium für Inneres, Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK), Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) und der Caritas Österreich mit Unterstützung der ERSTE Stiftung durchgeführt wurde. Im Rahmen der empirischen Untersuchungen, beruhend auf Interviews mit Expertinnen und Experten aus Schule und Jugendarbeit sowie Gruppengespräche mit Jugendlichen zum Thema Bildungserfolg in der Migration, zeigt sich auch, dass sich traditionelle Geschlechterrollenbilder eher negativ auf den Bildungsaufstieg auswirken - dies sowohl bei jungen Männern, als auch bei jungen Frauen. Darüber hinaus ist ein weiteres Kernergebnis, dass vor allem bei jungen Männern das "Schulschwänzen" äußerst bildungsschädlich ist, da die Schulabstinenz den "Einstieg in den Bildungsausstieg" darstellt.

Die Handlungsempfehlungen des Studienautors Prof. Bernhard Perchinig liegen daher in der Schaffung eines verbesserten Schnittstellenmanagements und in der Einrichtung eines schultypen-und berufsübergreifenden, individualisierten Bildungscoachings, in der Elternarbeit und darin, einen besseren rechtlichen Rahmen für Schulabsentismus zu finden.

Eltern über Funktionsweisen des österreichischen Bildungssystems unterrichten

Hinsichtlich der Elternarbeit empfiehlt Perchinig, die Eltern über die Funktionsmechanismen und den Aufbau des österreichischen Bildungssystems besser zu unterrichten. Aufsuchende Elternarbeit solle darüber hinaus die Geschlechterrollenbilder in der Erziehung thematisieren. Das individualisierte Bildungscoaching sollte von Schnittstellenmanagern im Rahmen eines schultypen- und berufsübergreifenden Bildungscoachings erfolgen. Diese Schnittstellenmanager sollten ab der Sekundarstufe I Kinder und Jugendliche über Bildungswege und Berufsausbildungen informieren und mit ihnen gemeinsam Bildungspläne ausarbeiten. Wesentlich sei dabei, dass der Bildungscoach den Übertritt in die Sekundarstufe II begleite und als Ansprechperson so lange zur Verfügung stehe, bis der/die Jugendliche eine gefestigte Position in der jeweiligen Bildungseinrichtung erarbeitet habe. Durch den Aufbau einer langfristigen Beziehung zu einer Person sollte insbesondere auch die Resilienz der Jugendlichen gefördert werden, so Perchinig. Als Maßnahme zum Thema Schulabsentismus wird die verpflichtende Einschaltung von Schulsozialarbeitern nach mehrmaligem, unentschuldigtem Fernbleiben von der Schule angeregt.

Die Industriellenvereinigung sieht ihrerseits die Notwendigkeit verstärkt in die Präventionsarbeit zu investieren, um Bildungsabbrüche gerade dort zu vermeiden, wo es nur um Mangel an Informationen, um Bildungswege und Berufsorientierung geht und regt die Schaffung eines Buddy-Systems sowie ein individuelles Kompetenz-Portfolio für Jugendliche an. Es müssen die bereits vorhandenen Qualifikationen junger Erwachsener mit Migrationsgeschichte hervorgehoben werden. Aufgrund eines individuellen Kompetenz-Portfolios können die Stärken jeweils herausgestrichen werden; damit kann bereits in der Lehrlingsausbildung begonnen werden. Nur so bilden wir motivierte und selbstbewusste junge Menschen aus, die sich engagieren und partizipieren. "In einer hochentwickelten Gesellschaft sinken die Beschäftigungschancen gering qualifizierter Personen. Bildung ist nicht nur der Schlüssel zur Integration, insbesondere für Menschen mit Migrationsgeschichte, sondern gleichfalls ist sie auch Türöffner für den Zugang und die Platzierung am Arbeitsmarkt", betonte Mag. Georg Kapsch, Präsident der IV Wien.

"Um etwas leisten und seinen Weg in Österreich machen zu können, ist die Ausbildung entscheidend", sagte Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz. "Und gerade hier haben wir die Probleme:
Schulpflichtverstöße von schulpflichtigen Kindern im Alter von 6 bis 15 Jahren nehmen stark zu, 8.000 Schüler jährlich brechen die Schule ab, 75.000 Jugendliche sind ohne Ausbildung und Job. Wir investieren sehr viel Geld ins Reparieren dieser Probleme, tun aber wenig, um die Ursachen zu bekämpfen. Ich arbeite daher an Maßnahmen gegen die Ursachen: an einem Gesetz gegen Schulpflichtverstöße - auch Strafen, Maßnahmen gegen Schulabbruch sowie an einem offensiven Hausbesuchsprogramm für bildungsferne Migranteneltern, um Bildungsbewusstsein zu schaffen", so Kurz. "Mit Projekten wie der Neuen Mittelschule, dem Ausbau der ganztägigen Betreuung, der Individualisierung im Unterricht und der Qualitätssicherung in Bezug auf Lernen und Lehren setze ich auf präventive Maßnahmen. Ich bin der Überzeugung, dass die kompensatorische Bildung eine wichtige Aufgabe der öffentlichen Schule darstellt - die Studie liefert wesentliche Erkenntnisse dazu", so Unterrichtsministerin Dr. Claudia Schmied.

Für Franz Küberl, Präsident der Caritas Österreich, hat ein Ausbau der Schulsozialarbeit an jedem Schulstandort Priorität: "Ich bin zutiefst überzeugt: Ein Bildungssystem, das alle Kinder miteinschließt und fördernd herausfordert, kommt allen Mitgliedern der Gesellschaft zugute. Es hilft den Kids zu einem guten Zustieg in die Zukunft. Und es leistet nebenbei einen nachhaltigen Beitrag zur Armutsbekämpfung." Um wirklich alle Kinder in Österreich auf die Bildungsreise mitzunehmen, fordert er die Einführung von Schulsozialarbeit an allen Schulen, die Aufstockung von Ressourcen für die Elternarbeit und eine vom Bund initiierte Qualitätsoffensive in den Kindergärten.

"Grundsätzlich gilt: Je besser die Ausbildung, desto besser die Chancen am Arbeitsmarkt. Arbeitslosigkeit betrifft daher vor allem Personen mit geringer Ausbildung. Während die Arbeitslosenquote von Pflichtschulabsolventen derzeit bei knapp 17 Prozent liegt, sinkt sie bei Personen mit Lehrabschluss bereits auf 5 Prozent. Bildung ist somit DER Schlüssel zum Erfolg am Arbeitsmarkt", betonte AMS-Vorstand Dr. Johannes Kopf.

"Die ERSTE Stiftung hat diese Studie unterstützt, weil wir uns ganz konkrete Hinweise für die tägliche Arbeit in den Projekten versprechen", so Boris Marte, Vorstandsmitglied der ERSTE Stiftung. Durch die Studie "gibt es jetzt Inhalte, die wir für die Wahrung von Bildungschancen von Menschen aller Altersgruppen in Zentral- und Osteuropa brauchen." Das Ziel sei schließlich ein Schulsystem in allen Ländern der Region, "das junge, kreative Menschen hervorbringt, die früh eine Chance bekommen haben, ihre eigenen Gedanken und ein Bewusstsein ihrer Fähigkeiten und Stärken zu entwickeln und damit ihre Gesellschaften gestalten können."

Die Studie ist in der Kurz- und Langfassung auf der Homepage der Industriellenvereinigung abrufbar:
http://www.iv-net.at/publikationen/g98p591/

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