TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 11. Juni 2012 von Max Strozzi "Spanien-Krise richtet über den Euro"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Niemand weiß, ob die Milliardenspritze für Spaniens Banken reicht, um das Land nach Immobilien- und Schuldenkrise wieder zu stabilisieren. Eine weitere Eskalation auf der iberischen Halbinsel würde diese Währungsunion wohl sprengen.

Die Euro-Krise hat die nächste Steigerung erreicht. Nach Griechenland, Irland und Portugal zapft jetzt auch Spanien die Milliardenhilfen aus dem europäischen Rettungsfonds zur Rettung seiner maroden Banken an. Bis zu 100 Milliarden sollen den Flächenbrand im spanischen Bankensektor löschen, der unter den Folgen der geplatzten Immobilienblase eingebrochen ist.
Ob die Milliardenspritze reicht? Das wissen nicht einmal die Banken selbst, der Staat oder viele Experten. Das ist ja das nächste Problem. Das räumte auch IHS-Chef Bernhard Felderer ein. Man könne so viel in einer Bankbilanz verstecken, dass es schwierig sei, ein wahres Bild zu erhalten, sagte der Präsident des österreichischen Staatsschuldenausschusses. Dabei wären Bilanzen eigentlich gerade dazu gedacht, die Lage von Unternehmen darzustellen.
Verstecken, täuschen und tarnen, verniedlichen und munkeln im Dunkeln: Die blanke Intransparenz zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Finanz- und Staatsschuldenkrise. Sie verstärkt die Krise selbst und den Argwohn von Hunderten Millionen Europäern, die zunehmend den Worten und Taten von Politik und Entscheidungsträgern nicht mehr glauben. Wer kann denn heute mit Sicherheit sagen, ob nicht auch Spanien selbst - und nicht nur seine Banken - bald Milliarden aus dem Rettungsschirm braucht, um die Staatsausgaben zu finanzieren? Ein Budgetdefizit von 8,9 % im letzten Jahr spricht ja nicht gerade für einen sanierten Haushalt, eine Arbeitslosenquote von 25 % nicht gerade für eine florierende Wirtschaft. Spanien steckt tief in der Rezession.
Und Spanien ist nicht Griechenland, Irland oder Portugal. Spanien ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone und damit ein großer Dominostein im Euro-Konstrukt. Ein Zusammenbruch auf der iberischen Halbinsel würde der Währungsunion in der heutigen Form wohl den Gnadenschuss geben. Die Hunderten Milliarden an Euro, die bisher für Staats- und Bankenrettungen geflossen sind, haben den Krisenherd nicht gelöscht. In Brüssel wird deshalb an Lösungen gefuhrwerkt hin zur einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik und einer verstärkten politischen Union. Mitgliedsländer sollen etwa Budget-Kompetenzen an Brüssel übertragen und Schulden vergemeinschaften. Ob dieser Plan überhaupt rechtzeitig umgesetzt wird und wenn ja, ob der Euro damit gerettet wird, weiß man nicht. Aber Nichtwissen gehört leider ohnehin zur Finanz- und Staatsschuldenkrise.

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