TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 6. Juni 2012 von Peter Nindler "20 verlorene Jahre an der Kinderklinik"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die Innsbrucker Kinderklinik war zwei Jahrzehnte lang ein Stiefkind und hatte keine Führung. Innerhalb von wenigen Wochen konnte Gerhard Gaedicke eine Trendumkehr einleiten. Er steht allerdings erst am Anfang.

Das Erbe des langjährigen Kinderklinikchefs Heribert Berger, der das Kinderzentrum in Innsbruck bis 1991 geleitet hatte und 1999 verstarb, wurde in den folgenden Jahren verspielt. Unglückliche Personalentscheidungen, Diadochenkämpfe unter den führenden Ärzten, Aufsplittung der Abteilungen, fehlende Zusammenarbeit, unstrukturierte Abläufe und zuletzt Komplikationen bei medizinischen Behandlungen sowie tragische Todesfälle rückten die Klinik in den Mittelpunkt der öffentlichen Kritik. Über Jahre fehlten einfach der Chef und der Rückhalt für die Ärzte.
Die Probleme wurden zwar stets erkannt, doch das Eigenleben der einzelnen Abteilungschefs verhinderte eine Gesamtlösung im Sinne der kleinen Patienten, der Eltern und Mitarbeiter.
Der Fall der kleinen Azra, die nach der Verabreichung des Narkosemittels Propofol über 48 Stunden gestorben war, brachte im November des Vorjahres die Mauer der Verhinderung jedoch zum Einsturz. Die Klinik gestand Fehler ein, auch in den Abläufen. Damals lag schon längst ein Reformpapier auf dem Tisch, doch erst mit dem Tod des Kleinkindes wurde die Umsetzung der Strukturmaßnahmen beschleunigt. Acht Monate später ist der geistige Urheber der Umstrukturierung und ehemalige Chef der Kinderklinik an der Berliner Charité Gerhard Gaedicke gleichzeitig der Reformmotor. Endlich hat das Innsbrucker Kinderzentrum wieder einen Chef, der dies auch fünf Jahre lang bleiben möchte. Gaedicke könnte das Erbe Bergers weiterentwickeln. Berger und Gaedicke verbindet nicht nur die gemeinsame Geburtsstadt Villach, sondern wohl auch die Fähigkeit der offenen Kommunikation. Der richtige Ton öffnet nämlich am leichtesten die Türen.
Gaedicke wird schon jetzt als Gewinn bezeichnet, obwohl er die kleinen Königreiche an der Kinderklinik aufgelöst und personelle Veränderungen vorgenommen hat. Doch es spricht für ihn, dass darüber nicht laut gesprochen wurde. Er legt Wert auf Zusammenarbeit, möchte die Eltern verstehen und an den Krankenbetten der Kinder stehen. Er will angreifbar sein, nicht unnahbar. Letztlich will der neue Chef die Klinik führen. Diesen Anspruch macht Gaedicke deutlich.
Nach 20 verlorenen Jahren an der Kinderklinik ist dort so etwas wie Aufbruch zu verspüren. Verstecken musste sich die Kinderklinik in den vergangenen Jahren auch nicht, doch jetzt wurde sie endlich von ihrem Stiefkinddasein erlöst.

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