TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 25. Mai 2012, von Christian Jentsch: "Die Party ist vorbei"

Innsbruck (OTS) - Sehenden Auges steuerte Europa auf die
Katastrophe zu. Ohne Fundament wurden gewaltige Schuldenberge angehäuft. Nun ist die Party vorbei. Doch statt nach neuen Strukturen sucht man nach neuen Drogen.

Schön waren die Zeiten: Der Boom bahnte sich seinen Weg. Und die Märchenerzähler hatten Hochkonjunktur. Es schien keine Grenzen zu geben, korrupte Regierungen nicht nur in Griechenland setzten auf eine ungebremste Schuldenrallye und niemand brachte sie von dem gefährlichen Schleuderkurs ab. Ganz im Gegenteil. Gewaltige Schuldenberge wurden angehäuft. Und später fanden immer riskantere Papiere ihre Abnehmer. Die Stabilitätskriterien, wie sie im Vertrag von Maastricht festgeschrieben sind, wurden zu Grabe getragen. Die herrschenden Politiker ließen es sich nicht nehmen, eine ausgelassene Party zu feiern. Und mit ihnen die Finanzspekulanten, die das Risikopotenzial auf die Spitze getrieben haben. Eine Pleite stand schlicht und einfach nicht zur Debatte.
Doch die Party ist vorbei, die Blase ist geplatzt. Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien und Italien stehen mittlerweile wirtschaftlich vor dem Abgrund. Ohne Fundament brachen die wackeligen Wunder wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und Europa zittert vor einem neuen Beben. Mit dem wirtschaftlichen Niedergang droht auch das politische Projekt von einem gemeinsamen Europa zu zerbrechen. Die Alarmglocken schrillen. In Griechenland droht kein Stein auf dem anderen zu bleiben und in Spanien tickt eine Bombe, die das gesamteuropäische Finanzgebäude zum Einsturz bringen könnte. Unter der Führung der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und mit Rückendeckung des mittlerweile abgewählten französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy wurde eilig ein Fiskalpakt, welcher die Mitgliedsländer zu einer strengeren Haushaltsdisziplin zwingt, auf Schiene gebracht. Harte Einschnitte in den Pleitestaaten sollen die Gemeinschaftswährung vor dem Kollaps retten.
Doch das Volk weigert sich, die Zeche zu zahlen. Und wer Wahlen gewinnen will, schlägt sich nicht auf die Seite der harten Sparmeister. Das wusste auch Frankreichs neuer Präsident Francois Hollande. Dabei ist eines klar: Die Stunde der Märchenerzähler ist vorbei. Wer von einem neuen Wachstumspakt spricht, soll die Karten auf den Tisch legen. Es kann nicht darum gehen, den Schuldenberg weiter anzuhäufen und dem Volk neue Beruhigungspillen zu verschreiben.
Es geht nicht darum, sich mit gescheiterten Konzepten Luft zu verschaffen. Es geht darum, Strukturen aufzubrechen, die uns in die Krise geführt haben. Und da gibt es genug zu tun.

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