"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Wahl zwischen Pest und Cholera" (Von Michael Jungwirth)

Ausgabe vom 25.5.2012

Graz (OTS) - Na endlich, werden sich nicht wenige Leute denken,
dass sich nun endlich einmal auch die EU mit dem griechischen Rauswurf aus der Euro-Zone befasst. All zu lange hatte man in Brüssel so getan, als ob nur Populisten, die nach Wählerstimmen an den Stammtischen fischen, der Boulevard und Weltuntergangspropheten solche Fantasien entwickeln. Wer bereit sei, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen, lautete der staatstragende Einwand, würde nie solche Katastrophenszenarien auf dem Niveau von Nostradamus und des Maya-Kalenders zeichnen.

Haben uns also die politischen Eliten nicht wieder einmal angeschwindelt? Haben Strache, Bucher recht behalten und das politische Establishment eines Besseren belehrt?

Dass man in den Finanzministerien, in den Nationalbanken, bei der EZB, den europäischen Institutionen geheime Notfallpläne entwickelt, sollte Griechenland nach einem Machtwechsel bei den nächsten Wahlen nicht mehr in der Euro-Zone zu halten sein - das sollte wohl das Selbstverständlichste in der Welt sein. Alles andere wäre fahrlässig.

Doch jene, die es immer schon gewusst haben, laufen Gefahr, einem schweren Irrtum zu unterliegen. Es ist keineswegs so, dass durch den Rauswurf der notorischen Schwindler alle Probleme gelöst sind und Europa wieder zur Tagesordnung übergehen kann.

Wäre dem so, hätten sich längst alle Ökonomen einmütig für diese Variante ausgesprochen. Griechenland in der Euro-Zone zu halten, ist - Sarrazin zum Trotz - nicht nur ein politisches Projekt.

Die Euro-Staaten sind viel zu eng miteinander verwoben, als dass ein Ausstieg ohne Folgen bliebe. Im Gegenteil: Ein Rauswurf ist weniger Befreiungsschlag, sondern vielmehr der Beginn einer Reise ins Ungewisse. Dass die Euro-Länder mit einem Schlag rund 150 Milliarden Euro verlieren würden, ist nur ein Aspekt. Bei einem Kollaps der griechischen Wirtschaft müsste - welch Wunder - wohl wieder die internationale Gemeinschaft den Griechen finanziell unter die Arme greifen.

Nicht abschätzbar ist der Dominoeffekt. Wenn Griechenland fällt, warum nicht auch Spanien, Portugal, Italien? Abgesehen von den politischen Implikationen, die laut ernst zu nehmenden Beobachtern dazu führen könnten, dass angesichts des politischen Chaos die Militärs wieder schleichend die Kontrolle über das Land übernehmen könnten.

Bei Griechenland haben die Europäer nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera.****

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