TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Montag, 21. Mai 2012, von Mario Zenhäusern: "Schulische Negativ-Auslese"

Innsbruck (OTS) - Immer noch scheitern zu viele Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, weil sie dem Unterricht in den Volksschulen nicht folgen können. Nötig ist ein erweitertes Angebot und die verstärkte Kontrolle, dass es auch angenommen wird.

In Tirols Schulen können heuer 500 von insgesamt 5000 schulpflichtigen Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache nicht benotet werden. Grund: Sie beherrschen die deutsche Sprache nicht in jenem Ausmaß, dass sie zumindest dem Unterricht folgen können. Die Zahlen sind seit Jahren unverändert: 2008 gingen - bei gleich hoher Gesamtschülerzahl - zum Schulschluss 480 Mädchen und Buben ohne Zeugnis nach Hause.
Die Konsequenzen liegen auf der Hand. Anstatt jungen Menschen das Rüstzeug für ihre spätere berufliche Karriere in die Hand zu geben, produzieren die Schulen auf diese Weise - ungewollt - Verlierer. Menschen, die im beruflichen Alltag keine Chance haben und/oder bekommen, die deshalb auch gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden und mangels anderer Möglichkeiten gezwungen sind, von der Unterstützung durch den Staat zu leben.
Diese Negativ-Auslese kann nicht im Sinne der Kinder sein. Die meisten scheitern ja nicht an ihrer mangelnden Intelligenz, sondern an den Umständen, die ihnen den zeitgerechten Zugang zur deutschen Sprache verwehren. Und daran, dass immer noch zu wenig Geld zur Verfügung steht, um das Schul- bzw. Vorschulsystem entsprechend zu adaptieren.
Die Verantwortlichen in Land und Bund wissen seit Jahren, dass es sehr schwer ist, sprachliche Defizite im Schulbetrieb quasi nebenher zu beseitigen. Sie wissen auch, dass das im Kindergarten besser funktioniert, dass aber ein viel zu geringer Teil der Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache den Kindergarten besucht. Fazit: Wer garantieren will, dass alle Kinder gleich welcher Muttersprache ihre schulische Karriere mit halbwegs ähnlichen Voraussetzungen - sprich:
Deutschkenntnissen - in Angriff nehmen, muss für einen ausreichend langen Kindergartenbesuch sorgen.
Das Land Tirol hat auf diesem Sektor schon einige Initiativen gesetzt und will das Angebot weiter ausbauen. Sprachtests mit Dreijährigen, mobile Sprachpädagoginnen, die sich um Härtefälle kümmern, sowie Sprachstartklassen, die bereits im Vorschulalter versuchen, Defizite auszugleichen, sind ein Schritt in die richtige Richtung. Die Verantwortlichen müssen jetzt allerdings auch sicherstellen, dass die betroffenen Familien dieses Angebot auch annehmen. Wenn nötig, mit Druck. Sonst jammern wir noch in Jahren darüber, dass jeden Sommer nur deshalb mehrere hundert präsumtive Sozialhilfeempfänger unser Schulsystem verlassen, weil sie der deutschen Sprache zu wenig mächtig sind.

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