Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 19. Mai 2012. Von ALOISVAHRNER. "Wochen der Entscheidung für den Euro".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Griechen müssen sich bei der Wahl-Neuauflage zwischen harten Entbehrungen und dem völligen Chaos entscheiden. Unterdessen rücken auch die anderen Euro-Sorgenkinder wieder ins Rampenlicht.

Dass Griechenland derzeit am Abgrund steht, ist keinerlei Übertreibung, sondern fast sogar noch eine Beschönigung. Das bankrottreife Land hängt an der finanziellen Herz-Lungen-Maschine von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF). Ohne die dreistelligen Milliardenbeträge aus dem Ausland wären die Hellenen längst in die Staatspleite gerutscht.
Auch wenn es in Athen und anderswo Proteste gegen das böse Ausland gibt und auch hierzulande immer wieder Kritik an ach so gierigen Geldgebern: Griechenland hat sich eindeutig selbst in diese katastrophale Lage gebracht, durch jahrzehntelange unfassbare Misswirtschaft der sich an der Macht abwechselnden Konservativen und Sozialisten. Jetzt muss die Zeche bezahlt werden und das geht mit Blick auf den desaströsen Schuldenberg ohnehin nur zu einem kleinen Teil. Und wie in solchen Fällen üblich, trifft es die kleinen Leute wie Beschäftigte, Pensionisten und kleine Gewerbetreibende am brutalsten. Die meisten reichen Griechen haben sich mit ihren Millionen und Milliarden längst aus dem Staub gemacht und scheren sich großteils wenig um das Schicksal ihrer Landsleute.
Normal ist, dass der Ärger der Bevölkerung angesichts radikaler Lohn-und Pensionskürzungen und einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent groß ist. Auch, dass sich die Lust in Grenzen hält, ausgerechnet jene Parteien zu wählen, die das Desaster versursacht haben - aber nun für das Sparpaket stehen, welches die Hilfsmilliarden erst ermöglicht. Die Antworten von rechts und links außen gegen die EU-Vorgaben klingen da naturgemäß einfacher.
Die EU hat aber keinen Zweifel daran gelassen, dass die Griechen am 17. Juni über ihr Schicksal entscheiden. Bitterer Sparkurs oder Staatsbankrott und Rausflug aus dem Euro. Letzteres hieße tatsächlich Chaos. Einen Vorgeschmack gab es bereits bei den fast schon panikartigen Geldbehebungen bei den griechischen Banken. Das hat laut Umfragen einen ersten Stimmungsumschwung eingeleitet.
Mit der Zuspitzung in Griechenland rücken aber auch andere Sorgenkinder wie Italien, aber vor allem Spanien mit seiner Bankenkrise in den Mittelpunkt des Interesses. Von Europas Spitzenpolitikern, vor allem dem noch etwas distanziert wirkenden deutsch-französischen Doppel Angela Merkel und Francois Hollande, wird in den nächsten Wochen und Monaten viel Fingerspitzengefühl und Entschlusskraft gefordert sein. Die Gefahr für den Euro ist alles andere als gebannt.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001