"Kleine Zeitung" Kommentar: "Fair Play heißt im Fußball nicht Chancengleichheit" (Von Michael Schuen)

Ausgabe vom 19.05.2012

Graz (OTS) - Das Gebäude wankt. Genau genommen ist es mitunter
vom Einsturz bedroht, Teile hat es schon erwischt. Fußball-Europa zittert davor, dass sich punktuelle Finanz-Schwächeanfälle bei Vereinen zur Epidemie ausweiten. Dass auch große Namen nicht von Konkursen verschont werden. Eine Angst nicht ohne Grund: Elf Milliarden Euro betrug die Gesamtverschuldung der europäischen Fußballklubs 2010. Unglaubliche 63 Prozent aller Vereine schreiben Verluste. Während das für andere Wirtschaftszweige wohl den Tod bedeuten würde, rollen im Fußball Ball und Geld weiter. Es wird mit fast unanständigen Summen jongliert, die fern aller Vorstellung liegen.

Das Unangenehme: Nur wenige - so wie Bayern München, das heuer bei einem Umsatz von 350 Millionen Euro zwischen zehn und zwanzig Millionen Euro Gewinn macht - können sich all das leisten. Der Rest lebt auf Pump oder von Investors Gnaden. Mäzene, bevorzugt aus der ehemaligen Sowjetunion oder von der arabischen Halbinsel, lassen sich ihr Hobby Fußball (zu) viel kosten. Was zählt, ist der Erfolg, koste er, was er wolle. Und Erfolg heißt: Sieg in der Champions League. Deshalb kaufen Mäzene Stars gerne en gros statt en détail und verzerren so den Markt und dessen Werte. Und jene, die seriös wirtschaften, erröten vor Zorn.

All dem will der europäische Verband UEFA jetzt einen Riegel vorschieben. Der revolutionäre Ansatz: Klubs dürfen künftig nicht mehr ausgeben, als sie einnehmen. "Financial Fair Play" heißt diese Zauberformel, von der sich manche mehr Gerechtigkeit, einige weniger Geldvernichtung und viele gar größere Chancengleichheit versprechen.

Ein Wunsch mit Haken: Die UEFA kann und wird auch künftig nicht dafür sorgen, dass Österreichs Meister den mit einer Milliarde verschuldeten Kultklub Real Madrid ernsthaft fordert. Im Gegenteil:
Vereine, die schon an der Spitze sind, tun sich leichter, dort zu bleiben. Denn, siehe oben: Was wirklich kostet, ist der Weg in die Champions League - vom Finalsieg gar nicht zu sprechen. Dazu wird der Spielraum von Oligarchen und Mäzenen zwar eingeschränkt, aber Verluste dürfen sie auch künftig decken. Und so sehr die UEFA auch droht: Ein Ausschluss von Chelsea, Real Madrid, Barcelona oder Milan wird nicht passieren. Niemand beraubt sich seiner größten Zugpferde, die UEFA schon gar nicht.

Nüchtern betrachtet mag es im Fußball finanziell auf dem Papier daher künftig fairer zugehen - aber Chancengleichheit ist das deswegen noch lange nicht.****

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