Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 16. Mai 2012. Von MARCO WITTING. "Eine Ohrfeige für die Erziehung".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die berüchtigte Watschen ist nichts anderes als ein Relikt und weder zeitgemäß noch gesund. Altmodische Züchtigungen haben in einer modernen Gesellschaft nichts verloren. Lehrer brauchen andere Ansätze, um Kinder einzubremsen.

Sätze aus der Vergangenheit, die eigentlich klingen, als wären sie aus der Steinzeit: Kinder vertragen eine Ohrfeige schon; aus uns ist auch etwas geworden; eine Tetschen ist ja gar keine Watschen und überhaupt hat eine "gesunde Watschen" hat noch niemandem geschadet. Die aktuelle Diskussion über härtere Durchgriffsrechte für Lehrer ist vor allem eines: eine schallende Ohrfeige für moderne und zeitgemäße Erziehung - und alle, die sich darum bemühen.
Auch wenn der Kärntner FPK-Bildungsreferent Uwe Scheuch gestern nach seinen Aussagen kleinlaut zurückgerudert ist, der Kurs ist klar:
notfalls Kinder auch mit der flachen Hand vom eigenen Standpunkt zu überzeugen. Dabei ist diese Debatte schon von Gesetzes wegen seit mehr als zwei Jahrzehnten restlos erledigt. Seit 1989 gilt in Österreich ein absolutes Gewaltverbot in der Erziehung - auch für die Eltern. Bereits 1974 wurden im Schulunterrichtsgesetz "körperliche Züchtigung, beleidigende Äußerungen und Kollektivstrafen" verboten. Doch offenbar gibt es sie nach wie vor. Jene, denen noch immer "ab und zu die Hand ausrutscht", oder selbst Betroffene aus der Vergangenheit, die sich lautstark rechtfertigen, dass es ihnen "ja letztlich nicht geschadet" habe.
Doch was hat es ihnen dann gebracht? Nichts. Wie sonst kann man in einem derartigen Akt gegen einen Schwächeren eine positive Maßnahme sehen? Und auch von der erzieherischen Maßnahme bleibt letztlich nichts mehr übrig. Denn die Reaktion des Kindes beruht in diesem Fall wohl nicht auf dem Verständnis, sondern lediglich darauf, bloß keine weitere Ohrfeige zu bekommen.
Es muss für Lehrer und Eltern weitere Möglichkeiten geben, Kinder, die vielleicht außer Rand und Band geraten sind, wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Die Antwort kann nur sein: klare Regeln schaffen, erklären, überzeugen. Ein Kind erlebt Schläge als demütigenden Akt. Einem Erwachsenen gegenüber würde man sich auch weder einen Klaps noch mehr erlauben. Dass Lehrer gegenüber ständig störenden Schülern rechtliche Möglichkeiten erhalten, um Versäumtes nachzuholen und den Kindern beizubringen, wie sie sich in der Gruppe zu verhalten haben, ist dringend notwendig. Kindsein hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Der Druck wurde ständig größer. Eltern haben dafür immer weniger Zeit. Altmodische Züchtigungsmethoden können darauf aber in keinster Weise eine zeitgemäße oder effektive Antwort sein.

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