Suizidberichterstattung: Presserat mahnt Zurückhaltung ein

Wien (OTS) - Der Senat 2 des Presserats überprüfte zwei Artikel über den Suizid eines jungen Mannes, die in der Tageszeitung "Österreich" und auf der Webseite www.oe24.at im Dezember 2011 erschienen sind.

Die Persönlichkeit eines Menschen verdient nach Ansicht des Senats grundsätzlich über den Tod hinaus Schutz. Jeder Tote war einmal ein lebendes Individuum mit Selbstbestimmungsrechten.

Medienberichterstattung über Suizidfälle sollte zwar nicht völlig unterbleiben, da dies einer unerwünschten Tabuisierung des Themas gleichkäme, so der Senat weiter. Bei Berichten über Suizide ist jedoch große Zurückhaltung geboten.

In den vorliegenden Artikeln kam es zu schwerwiegenden Verstößen gegen den Ehrenkodex für die österreichische Presse, insbesondere gegen dessen Punkte 5 (Persönlichkeitsschutz) und 6 (Schutz der Intimsphäre).

Eingriffe in die Intimsphäre und Würde des Verstorbenen

Den Artikeln wurden Fotos beigefügt, die den Verstorbenen unverpixelt zeigen. Zudem wurden viele Details aus seinem Privatleben angeführt und seine Abschieds-SMS wortwörtlich wiedergegeben. Daraus ergibt sich eine postmortale Verletzung der Intimsphäre.

Der Senat weist darauf hin, dass der Verstorbene keine öffentliche Funktion ausübte und auch sonst nicht im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand.

Die Beschreibung des Leichnams des Verstorbenen unmittelbar nach dem dramatischen Geschehen ist eine Verletzung der Menschenwürde. Jemand, der durch so tragische Umstände wie hier verstirbt, hat Anspruch darauf, dass die Würde seiner Person insbesondere in Hinblick auf Art und Weise seines Todes von den Medien respektiert wird.

Verletzung der Persönlichkeitsrechte der Angehörigen

Durch die Offenbarung der privaten Details über den Verstorbenen wurde auch das Pietätsgefühl der nahen Angehörigen verletzt und ihre Trauerarbeit erschwert. In der schwierigen Situation, in der sich die Angehörigen befunden haben, sind persönlichkeitsverletzende Berichte, die das Andenken an den Verstorbenen gefährden, besonders gravierend. Verantwortungsvoller Journalismus muss auch die Folgen der Berichte für die Angehörigen berücksichtigen.

Beurteilung der Foren zu den vorliegenden Artikeln auf www.oe24.at

Nach Meinung des Senats sollte bei einer so sensiblen Angelegenheit wie dem Suizid eines jungen Mannes kein Forum für die Leser eröffnet werden, weil von vornherein mit verletzenden Postings zu rechnen ist. Bedauerlicherweise hat sich dies im vorliegenden Fall bestätigt. In den Postings wurden außerdem viele weitere private Details über den Verstorbenen preisgegeben.

Suizidprävention

Medienberichte über Suizide können Nachahmungstaten zur Folge haben. Dieser Effekt basiert auf einer sensationellen Präsentation des Falles, die die Aufmerksamkeit stark auf sich zieht (Aufmachung auf der Titelseite, spektakulärer Stil in Sprache und Darstellung). Um keine Identifikationsmöglichkeiten bzw. Anregungen zu bieten, sollten Journalisten die Bekanntgabe von Details zur betroffenen Person und zur Suizidmethode möglichst unterlassen. All diese wissenschaftlich erforschten Grundsätze wurden in den vorliegenden Berichten nicht beherzigt.

Es verfestigt sich der Eindruck, dass die über Jahrzehnte vorherrschende freiwillige Zurückhaltung der österreichischen Medien bei der Suizidberichterstattung nicht mehr eingehalten wird. Die beiden vorliegenden Artikel sind hierfür ein missliches Beispiel.

Der Senat mahnt die erforderliche Maßhaltung bei diesem heiklen Thema ein, da es hier aufgrund der potentiellen Nachahmungstaten von gefährdeten Personen im wahrsten Sinne des Wortes um eine Frage von Leben und Tod geht.

Unter www.presserat.at finden Sie den Langtext der Entscheidung. Im vorliegenden Fall hat der Presserat aufgrund einer Mitteilung einer Leserin ein selbständiges Verfahren durchgeführt, in dem der zuständige Senat des Presserats seine Meinung äußert, ob ein Medienbericht den Grundsätzen der Medienethik entspricht. Die Tageszeitung "Österreich" ist nicht Mitglied des Presserats und hat am Verfahren nicht teilgenommen.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Andreas Koller, Sprecher des Senats 2, Tel.: 01-53153-830

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