Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Spannende Zeiten"

Ausgabe vom 5. Mai 2012

Wien (OTS) - Sagen wir es so: Die Europafahne hatte
Seltenheitswert bei den Massenkundgebungen der letzten Wochen in Paris und Athen. Optisch die Oberhand hatten die Tricolore in Frankreich und die blau-weißen Fahnenmeere in Griechenland. Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Wahlen gibt, so waren es höchstens die roten Fahnen der diversen linken Parteien. (Dass sich, das nur nebenbei, ausgerechnet Hellas mit dem Slogan "Freiheit oder Tod" als nationalen Wahlspruch schmückt, passt zur verqueren Logik dieser "Großen Erzählung", die sich stellvertretend für den Kontinent hier ereignet.)

Früher hieß es, die Geschichte werde von den Siegern geschrieben. Ob dies heute noch von Wahlsiegern behauptet werden kann, ist zweifelhaft. Die rhetorischen Gräben, die in jedem Wahlkampf ausgehoben werden, sind nur noch ein Taschenspielertrick, die Illusion realer Handlungsalternativen vorzugaukeln.

Nicht, dass Politik grundsätzlich keine Wahlmöglichkeiten mehr hat. Sie hätte, wenn sie denn wollte. Allerdings muss sie zu diesem Zweck akzeptieren, dass, erstens, der Nationalstaat als relevante Arena ausgedient hat, und, zweitens, die Gesetzmäßigkeiten der Grundrechenarten auch für Politiker gelten. Deshalb wird auch Francois Hollande - im Falle seiner Wahl - Europa keinen neuen Kurs verordnen, sondern allenfalls Details des europäischen Fiskal- und Wachstumspakts neu gewichten.

Viel spricht ohnehin dafür, dass die wirkliche Richtungswahl für Europa nicht in Paris, sondern in Athen stattfindet. Sollten die Wähler im südöstlichsten Zipfel des Kontinents einer Parteienkoalition an die Macht verhelfen, die lieber auf den Euro verzichtet als sich weiterhin dem als Spardiktat empfundenen Vorgaben Brüssels zu unterwerfen, drohen der Gemeinschaft höchst spannende Zeiten.

Der Euro nach dieser Krise würde mit dem davor nur noch den Namen gemein haben. Ein Austritt Athens droht eine Kettenreaktion auszulösen, die Portugal, Spanien, eventuell auch Italien mit sich reißen könnte. Und ähnlich dramatisch werden die Folgen in Griechenland selbst sein. Das nächste Kapitel der europäischen Einigung wird an diesem Sonntag - und in den darauf folgenden Tagen und Wochen - in Athen geschrieben.

Spannende Zeiten. In China gilt das bekanntlich als Fluch.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: +43 1 206 99-474
redaktion@wienerzeitung.at
www.wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001