Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Neues Spiel, altes Glück?"

Ausgabe vom 20. April 2012

Wien (OTS) - Der Test war erfolgreich, womit nun alle Welt weiß:
Auch Indien verfügt ab sofort über eine atomwaffentaugliche Interkontinentalrakete. Man darf getrost sein, dass insbesondere China die Botschaft richtig zu verstehen weiß.

Der Mensch ist ein sonderbares Wesen. Im Kollektiv, als Staat, fühlt er sich offensichtlich erst dann restlos sicher, wenn er selbst über die Macht verfügt, seinen Gegner nicht nur zu besiegen, sondern völlig zu zerstören. Erst diese Gewissheit auf ultimative Vergeltung gibt ihm die Sicherheit, dass auch der jeweils andere um das letale Risiko jeden Angriffs weiß - und am Ende genau deshalb darauf verzichten wird.

Abschreckung durch die Androhung völliger Vernichtung mag vielleicht eine verquere Logik sein, aber rational ist das dahinter stehende Kalkül allemal. Oder besser gesagt: war.

Denn was mit zwei Akteuren im Kalten Krieg gerade noch einmal gut gegangen ist - wie viel Glück und Zufall dabei im Spiel waren, ist erst im Rückblick klar geworden -, kann bei einer Vervielfachung der Mitspieler schnell zu einem unberechenbaren russischen Roulette mutieren.

Derzeit verfügen neun Staaten über Atomwaffen (neben den fünf ständigen UNO-Sicherheitsratsmitgliedern sind dies Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea; dem Iran unterstellt die Weltöffentlichkeit, ebenfalls nach Nuklearwaffen zu streben). Mit der ehemals gewährleisteten Berechenbarkeit ist es im "zweiten nuklearen Zeitalter" (copyright Yale-Politologe Paul Bracken) damit leider vorbei.

Das Zentrum unseres nuklearen Zeitalters liegt nicht länger in Europa, sondern in Asien. Für einmal war allerdings nicht die Wirtschaft der treibende Motor. Nuklearwaffen waren eine zutiefst europäische Schöpfung - und das gilt auch für die Strategien ihres (Nicht-)Einsatzes. Die strategische Kultur in Asien ist jedoch eine andere. Nicht besser, hoffentlich auch nicht schlechter, aber auf jeden Fall emotionaler und stärker von nationalstaatlichem Denken geprägt. Dafür genügt schon ein Hinweis auf die prekären Beziehungen zwischen Indien und Pakistan oder auf die nicht minder angespannten zwischen Indien und China.

Europa mag von einer atomwaffenfreien Welt träumen, in Asien dagegen wird ein ganz anderes strategisches Spiel gespielt. Bleibt zu hoffen, dass auch die Akteure des zweiten nuklearen Zeitalters die besonderen Regeln kennen.

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