WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Eurokrise: Diese Runde kommt früher als gehofft - Hans Weitmayr

Europas Finanzminister haben sich mit Rechentricks lächerlich gemacht

Wien (OTS) - Wir sind wieder voll im Krisenmodus, erklärte ein Händler lakonisch die auf sechs Prozent gestiegenen Renditen auf spanische Anleihen mit zehnjährigen Laufzeiten. Dass der Trader dabei das Wort "Modus" verwendet hat, ist bedenklich, leider aber auch korrekt. Denn in Wirklichkeit war die Krise in Europa zu keiner Sekunde überwunden. Die EZB hat Europa nur - wie an dieser Stelle des Öfteren bemerkt und gewarnt wurde - Zeit erkauft. Und zwar mit einer Billion Euro, die sie den Banken an Krediten mit ungewöhnlich langen Laufzeiten zur Verfügung gestellt hat.

Dadurch war der eingangs erwähnte Modus bis zuletzt auf "Off". Überraschend ist hingegen, nach welch kurzer Zeit der Schalter wieder auf "On" gekippt ist. Denn die Einschätzung, dass die EZB mit ihrem Vorgehen einen richtigen und wichtigen Schritt gesetzt hat, steht und fällt mit der Frage, ob sie es denn schafft, der Politik genug Handlungsspielraum zu verschaffen. Das zum einen. Zum Zweiten jedoch auch davon, ob die Politik es vermag, diese Gelegenheit zu nützen. Und genau das ist nicht ausreichend geschehen.

Tatsächlich sind strukturell und operativ wichtige Projekte auf den Weg gebracht worden, doch in letzter Konsequenz ist man wieder einmal zurückgezuckt. Denn die Billion, mit der die Rettungsschirm-Einrichtungen hätten ausgestattet werden sollen, ist nicht gekommen. Schlimmer noch: Anstatt das so auszusprechen und zu argumentieren, hat man sich auf eine Dumme-Jungen-Rechnung zurückgezogen, wonach man die Billion zwar nicht in Euro, dafür aber in Dollar erreicht hätte. Mit solchen Augenauswischereien kann man vielleicht sein Wahlvolk täuschen, nicht aber Analysten, Trader und deren Software, die Rundungsfehler in der fünfundachtzigsten Stelle hinter dem Komma auswerten und darauf basierend gegebenenfalls eine Kauf- oder Verkaufsentscheidung treffen. Bestenfalls wurde die Rechenmagie der europäischen Finanzminister ignoriert, schlimmstenfalls hat man sich darüber lustig gemacht, was wiederum auf Kosten einer Eigenschaft geht: der Glaubwürdigkeit.

Als Konsequenz ist die Krise schneller in unser aller Bewusstsein zurückgekehrt, als wir gehofft hatten. Damit werden auch die unter heftigem gegenseitigen Schulterklopfen auf den Weg gebrachten Rettungsschirme früher getestet werden als gedacht - es sei denn, die EZB tritt nochmals entschlossen auf den Plan. Fragt sich nur, wozu? Damit die Politik auf Kosten von Wirtschaft und Konsumenten eine Chance mehr in den Sand setzt?

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