Ökumene: "Katholische Kirche so engagiert wie kaum eine andere"

Kurienkardinal Koch widerspricht These, dass vor allem Katholiken Hindernisse im ökumenischen Dialog aufwerfen - Keine Vernachlässigung der reformatorischen zugunsten der Ost-Kirchen

Vatikanstadt, 16.04.12 (KAP) Die These, dass vor allem die katholische Kirche Hindernisse im ökumenischen Dialog aufwirft, trifft nicht zu: Das unterstrich Kurienkardinal Kurt Koch am Montag bei einer Begegnung mit österreichischen Journalisten in Rom. Im Gegenteil: so engagiere sich die katholische Kirche wie keine andere für eine Wiedergewinnung der Einheit. Der Präsident des päpstlichen Einheitsrates trat darüber hinaus dem Vorurteil entgegen, im Pontifikat Benedikts XVI. werde der ökumenische Dialog mit den reformatorischen Kirchen zugunsten der Ostkirchen vernachlässigt. Er selbst sei vom Papst ganz bewusst in seine jetzige Funktion berufen worden, weil er als vormaliger Basler Bischof den Erfahrungshorizont der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen mitbringe, so Koch.

Das Gespräch im Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen fand im Rahmen einer vom Grazer Diözesanbischof (und österreichischen "Medienbischof") Egon Kapellari angeführten Pressereise statt, an der noch bis Mittwoch Vertreter maßgeblicher österreichischer Printmedien teilnehmen und dabei verschiedene Einrichtungen und Vertreter der römischen Kurie kennenlernen.

Im Blick auf die Bedeutung des Lutherjahres 2017 für die Ökumene sprach Kardinal Koch von einer "Chance". Martin Luthers - auch vom Papst im Rahmen seiner jüngsten Deutschlandreise gewürdigtes -Hauptinteresse habe der Gottesfrage gegolten, dies böte zusammen mit Luthers Christozentrik einen guten Ansatz für den ökumenischen Dialog. Koch erinnerte daran, dass Luther keine neue Kirche gründen, sondern die katholische reformieren wollte. Das bevorstehende Lutherjahr wird laut Koch auch eine Anfrage an die protestantischen Kirchen sein, ob sie "Reformation" unter dem Gesichtspunkt der Kontinuität oder aber als bleibenden Bruch mit der katholischen Kirche verstehen.

Vorbehalte gegen "Differenz-Ökumene"

Derzeit gibt es nach der Beobachtung des Kurienkardinals eine Entwicklung weg von einer "Konsens-Ökumene", die das Gemeinsame in den Vordergrund rückt, hin zu einer "Differenz-Ökumene", die - wie etwa der Wiener reformierte Theologe Ulrich Körtner - nicht überwindbare Unterschiede benennen. Er selbst halte wenig von letzterem und halte an der Wiedererlangung der kirchlichen Einheit als Ziel fest.

Auch dem "Zwischenziel" einer bloßen Anerkennung von Kirchen in legitimer Unterschiedlichkeit kann Koch nichts abgewinnen. Das führe eher zu einer "Addition" von Kirchen wie nebeneinanderliegende "Reihenhäuser", anstatt der Vision eines gemeinsamen Gebäudes einer wiedervereinigten Kirche Christi zu dienen. Jesu Anspruch, dass seine Jünger "eins seien", gelte aus katholischer Sicht nach wie vor.

Als großen Stolperstein in der Ökumene mit den reformatorischen Kirchen nannte Kardinal Koch die - ursprünglich auch von den Protestanten bis vor rund 50 Jahren geteilte - Überzeugung, die Eucharistiegemeinschaft setze die Kirchengemeinschaft voraus. Evangelische Gemeinden, die Katholiken zur Teilnahme am Herrenmahl einladen, würden stattdessen heute die Eucharistiegemeinschaft als Weg zur vollen Kirchengemeinschaft sehen. Koch dazu: Es dürfe nicht das Teilziel mit dem Gesamtziel verwechselt werden. Sich damit zufrieden zu geben sei falsch. Koch wörtlich: "Wir brauchen keine ökumenischen Tranquilizer, sondern ökumenische Beunruhigungspillen." Konfessionsverschiedene Ehen seien ein "Stachel im Fleisch", der an die Notwendigkeit einer umfassenden Einigung auf einem tragfähigen Fundament erinnere.

Vielfalt nicht dort fordern, "wo sie nicht zu haben ist"

In Richtung österreichische Pfarrer-Initiative sagte Koch, man könne nicht Einheit suchen, indem man Trennung provoziert. Die katholische Kirche sei als Weltkirche äußerst vielgestaltig. Doch Vielfalt werde immer dort eingefordert, "wo sie nicht zu haben ist - nämlich beim kirchlichen Amt, das ja ein Dienst an der Einheit ist". Wenn es also irgendwo Einheit geben muss, dann in der Frage des Amtes, betonte der Kurienkardinal gegenüber Wünschen nach der Weihe verheirateter Männer oder von Frauen. Eigenartig finde er, dass von betonten Reformern gerade dort auf Uniformität gepocht werde, wo mehr Vielfalt möglich sei - wie etwa in der Verteidigung des Pfarrprinzips gegenüber anderen Formen von Gemeinde wie etwa geistlichen Bewegungen.

Koch erinnerte an das alte Prinzip "Einheit im Notwendigen, Vielfalt im nicht Notwendigen und in allem die Liebe." Die Kirche sei eine Ellipse mit Einheit und Vielfalt als Brennpunkten, die einander bedingten.

Der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates gestand im Blick auf die Fortschritte bei der Wiedergewinnung der Einheit zu, die Erwartungen rascher Erfolge seien nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wohl zu hoch gewesen. Die seit 500 Jahren währende Trennung von den reformatorischen Kirchen, die 1000-jährige von den orthodoxen und die gar seit mehr als 1.500 Jahren dauernde Trennung von den altorientalischen Kirchen dürften nicht unterschätzt werden. Die ökumenische Bewegung verglich Koch mit einer Flugreise, die ebenfalls einen rasanten Start vorsieht, bei der dann aber nach längeren Flug der - falsche - Eindruck entsteht, es "ginge nichts weiter". Aber, so Koch optimistisch: "Der Pilot ist der Heilige Geist."

Orthodoxe, Anglikaner, Pfingstbewegung

Über den Dialog mit der Orthodoxie sagte Koch, hier gebe es dieselbe Glaubensbasis, aber eine andere Kultur - gerade umgekehrt wie bei den ebenfalls der westlichen Kultur zugehörigen Protestanten. Man müsse katholischerseits Geduld mit der orthodoxen Kirche haben. Diese stehe vor großen internen Herausforderungen. Er hoffe, dass es möglichst bald zu einem panorthodoxen Konzil kommen wird. Im Fall eines positiven Verlaufs werde dies sicher auch wertvolle Impulse für die Ökumene mit sich bringen.

Im Hinblick auf das vor rund einem Jahr neu geschaffene Personalordinariat für zum Katholizismus übergetretene britische Anglikaner nahm Koch Papst Benedikt XVI. gegen Kritiker in Schutz. Es habe sich um keine Initiative des Papstes gehandelt, die Anfrage sei von anglikanischer Seite gekommen. Die Konvertiten hätten nun die Möglichkeit, anglikanische liturgische Traditionen bei gleichzeitiger Gemeinschaft mit dem Papst beizubehalten. Freilich handle es sich dabei um keine ökumenische Angelegenheit, sondern um eine Form der Konversion. Nachsatz: "Solche hat es immer gegeben und müssen immer möglich sein. Das ist eine Frage der Gewissensfreiheit."

Eine weitere große ökumenische Herausforderung für die römisch-katholische Kirche liege in der wachsenden Bedeutung der Freikirchen, so Koch weiter. Von ganz besonderer Bedeutung sei dabei die zahlenmäßig rapide Zunahme pfingstlerischer (pentekostaler) Gemeinschaften, die weltweit die zweitgrößte kirchliche Gemeinschaft nach der römisch-katholischen Kirche darstellen. Koch sprach wörtlich von einer "Pentekostalisierung" des Christentums. Ein Dialog mit den sehr inhomogenen Gemeinschaften sei schwierig, manche lehnte Ökumene explizit ab.

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