Wiener Zeitung: Leitartikel von Walter Hämmerle: "Höhere Moral"

Ausgabe vom 6. April 2012

Wien (OTS) - Es gibt den Mythos des Groß-Schriftstellers als moralische Autorität, und Günter Grass ist - zumindest für die linke Hälfte der Bundesrepublik Deutschland - dessen ideale Verkörperung. Das erklärt auch die Aufregung, die die Israel-Attacke des Literaturnobelpreisträgers ausgelöst hat; und zwar unabhängig davon, ob man diese nun als antisemitische Entgleisung oder als legitime Kritik an der Politik des jüdischen Staates bewertet.

Mindestens so interessant ist allerdings die Frage, warum eine breite Öffentlichkeit gewillt ist, den unbezweifelbar erfolgreichen Schriftsteller Grass als maßgeblichen Experten für den Weltfrieden im Allgemeinen und den Nahost-Konflikt im Besonderen anzuerkennen. (Es sei denn, jeder Deutsche und Österreicher ist aufgrund der eigenen Vergangenheit verurteilt, zu beidem eine klare Meinung zu haben.)

Grass ist dabei lediglich der Archetyp des aufrechten Intellektuellen oder Künstlers, der - vom Podium einer höheren Moral herab - immer wieder zu politischen Fragen das richtende Wort ergreift. Auch in Österreich kennt man dieses Phänomen.

Dabei ist das Recht jedes Bürgers auf seine eigene Meinung selbstredend unbestritten. Nur gibt es bei näherer Betrachtung keinen guten Grund, der Meinung eines Künstlers zu Fragen der Steuergerechtigkeit, der US-Außenpolitik oder eben des iranischen Atomkonflikts einen höheren Stellenwert einzuräumen als jener eines jeden anderen x-beliebigen Staatsbürgers. Wahrscheinlich steckt dahinter der Wunschtraum vieler, dass die Produktion von Kunst doch mit einer höheren Moral des Künstlers einhergehe. Falls dem tatsächlich so sein sollte, wofür in der Realität wenig spricht, bleibt aber immer noch die Frage, warum die Moral des urteilenden Künstlers jener der unmittelbar Beteiligten überlegen sein soll?

Die Hoffnung auf einen - im besten Wortsinn - aufklärenden Beitrag eines Künstlers zur politischen Debatte liegt deshalb nicht in seiner vorgeblichen moralischen Kompetenz, sondern in seiner analytischen Fähigkeit, die Dinge in einen größeren Zusammenhang zu stellen oder auf bisher noch unentdeckte Verbindungen hinzuweisen.

Das allerdings ist weitaus mühsamer als mit schnell dahingeworfenen moralischen Urteilen die Öffentlichkeit zu unterhalten.

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