Massive Medikamentöse Triebdämpfung bei behinderten Menschen bis Ende der 1980er-Jahre

Historische Untersuchungskommission und Opferschutz gefordert

Wien (OTS) - Wie der südtiroler Radiosender RAI-Bozen heute meldete, wurde in Österreich von dem Kinderarzt Andreas Rett von den 60er- bis zum Ende der 80er-Jahre im großen Stil das Medikament Epiphysan zur Triebdämpfung eingesetzt. Rett war über viele Jahre Leiter der Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder am Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel in Wien.

Im Zuge von Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Innsbruck 1980 gegen die umstrittene Kinderpsychiaterin Nowak-Vogel habe Rett die Verwendung des Medikaments Epiphysan schon zur Triebdämpfung gerechtfertigt. Er begründete dies zu dem Zeitpunkt mit seinen eigenen Erfahrungen über 17 Jahre beim Einsatz des Medikaments an 500 behinderten Personen.

Rett war über Jahrzehnte der einflussreichste Berater von großen Einrichtungen der Behindertenhilfe und österreichweit der wichtigste medizinische Berater für Eltern von sogenannten geistig behinderten Kindern. Der Mediziner war ein Befürworter der Sterilisation von behinderten Frauen, gleichzeitig ein vehementer Gegner schulischer Integration.

Erst vor wenigen Jahren wurde bekannt, dass der im Jahr 1997 verstorbene Rett, Träger des großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der NSDAP war. Er hat auch mit dem vormaligen NS-Kindereuthanasiearzt Heinrich Gross auf der Grundlage von Gehirnpräparaten, die von den im Rahmen der NS-Kindereuthanasie ermordeten Spiegelgrundopfern stammten, einen wissenschaftlichen Aufsatz verfasst.

Selbstbestimmt Leben Österreich (SLIÖ) fordert von der Stadt Wien die Einrichtung einer historischen Untersuchungskommission und einer Opferhotline, so wie dies die Medizinische Universität Innsbruck zur Aufarbeitung der früheren psychiatrischen Behandlungsmethoden tut.

"Eine Aufarbeitung der Geschichte der Behindertenhilfe muss genauso erfolgen wie die Aufarbeitung von Gewalt in unterschiedlichen Heimen, in der Jugendwohlfahrt und der Psychiatrie", fordert Volker Schönwiese, Vorstandsmitglied von SLIÖ. Die Schwierigkeit im Bereich der Behindertenhilfe liege darin, dass viele Opfer von Gewalt immer noch in den Einrichtungen leben, in denen die Gewalt stattgefunden hat.

"Die Menschen sind von diesen Einrichtungen weiterhin vielfach abhängig, sie können sich nicht von selbst melden und brauchen dafür gezielte Unterstützung," erläutert Schönwiese. SLIÖ fordert deshalb auch dringend die Einrichtung einer bundesweiten und trägerunabhängigen Opferschutzstelle für Menschen mit Behinderungen (vgl. dazu z.B. die Vorschläge des Berichts der Steuerungsgruppe "Opferschutz" zur Vorlage an die Tiroler Landesregierung" vom Juli 2010 - siehe: http://www.ots.at/redirect/heimerziehung_tirol.pdf ).

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