TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 4. April 2012 von Wolfgang Sablatnig "Wo die Soldaten der Schuh drückt"

Innsbruck (OTS) - Url.: Die Bundesheerkommission stellt zu Recht Ausbildner an den Pranger, die militärische Befehlsgewalt mit dem Freibrief zu Schikane und Beschimpfung verwechseln. Viel stärker müsste sie aber strukturelle Probleme ins Visier nehmen.

Frauen beim Bundesheer? "Voll akzeptiert", sagte Paul Kiss, der amtierende Vorsitzende der Bundesheerkommission. Rekruten mit Migrationshintergrund? "Kein Problem beim Bundesheer." Beschimpfungen, Schikanen? "So geht man mit jungen Männern nicht um", sagt Kiss. Letztlich handle es sich angesichts der großen Zahl von Personen beim Bundesheer aber um "Einzelfälle".
Ganz so in bester Ordnung dürfte beim Bundesheer aber doch nicht alles sein. Die Zahl der Beschwerden ist - nach einem deutlichen Rückgang 2010 - im Vorjahr wieder auf mehr als 500 und damit in den Bereich des langjährigen Durchschnitts gestiegen. Gründe für diesen Anstieg konnte Kiss nicht nennen.
Auskunft gibt aber die Statistik, welche die Kommission anführt. Nicht die Rekruten - und das sind immerhin mehr als 25.000 pro Jahr -machen das Gros der Beschwerdeführer aus.
Nein, zwei Drittel der Beschwerden im Vorjahr kamen von Zeit- oder Berufssoldaten. Und die Hälfte ihrer Beschwerden betraf Personalangelegenheiten, Probleme mit Zulagen, Ärger mit Versetzungen und so weiter - also all das, was auch in jedem anderen Unternehmen die Mitarbeiter auf die Palme treibt.
Manche Fälle zeigen einfach auch die Folgen einer Bürokratie, die zum Selbstzweck zu erstarren droht. Da ist in Bosnien die Rettung von verunglückten Zivilisten dadurch erschwert worden, dass die Genehmigung für den Einsatz eines Spezialgeräts zuerst aus Österreich einzuholen war. Da beklagen sich Soldaten am Balkan, dass sie trotz Hitze im Dienst keine Poloshirts mehr tragen dürfen. Und sie beklagen sich, dass nicht in allen Größen genügend Schuhe vorhanden sind. An anderer Stelle ist davon die Rede, dass in einer Kaserne Rekruten großzügig mit Heimschläfer-Genehmigungen versorgt worden seien, weil Schlafplätze fehlten. In einer anderen Kaserne fehlten im Sanitärbereich Fliesen an der Wand und waren Duschköpfe defekt. Viele Hinweise auf strukturelle Mängel also. Und es wird schlimmer. Das Sparpaket zwingt dem Heer die nächste Restrukturierung auf, die Verunsicherung der Bediensteten wird steigen, das Geld für Sanierung und Investitionen wird knapper.
Diese Probleme müsste die Kommission stärker ins Visier nehmen - ohne dabei darauf zu verzichten, jene an den Pranger zu stellen, die militärische Befehlsgewalt mit dem Freibrief zu Schikane und Beschimpfung verwechseln.

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