"Kleine Zeitung" Kommentar: "Wir sollten uns nicht an eine Öl-Zukunft ketten" (Von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 4.4.2012

Graz (OTS) - Die Amerikaner haben Sorgen! "Hohe" Spritpreise von
80 Eurocent je Liter sorgen dort für Zoff im Vorwahlkampf. In Europa dagegen rückt ein Benzinpreis von zwei Euro allmählich ins Blickfeld. Und was macht die Politik? Sie denkt über Steuersenkungen und Beihilfen nach, um den Wählern das Unzumutbare zu ersparen.

Jedoch: Wenn uns energiepolitisch nichts anderes einfällt, als uns verbissen ans Öl zu ketten, dann sind wir in Zukunft arm dran. Man mag das momentane Preis-Hoch auf Spekulation und Geldgier der Ölkonzerne zurückführen - beides trifft zu -, dennoch bleibt der trübe Ausblick auf das Ende des Erdölzeitalters.

Freilich wird Öl physisch nicht so bald zur Neige gehen. "Fracking" und andere komplexe Prozesse, mit denen man es aus Sand und Schiefergestein quetscht, werden ein Versiegen der Quelle auf Sicht verhindern. Der Globus lässt sich auspressen wie eine Zitrone. Die Aufrechterhaltung der Öl-Illusion wird aber immer teurer und riskanter. Großunfälle wie vor zwei Jahren auf der Bohrinsel Deepwater Horizon oder kürzlich auf der "Elgin"-Plattform vor Schottland stellen die Frage nach der Beherrschbarkeit der Technologie.

Bei Atomkraft darf man den Ausstieg fordern, bei Öl ist dieser Gedanke tabu. Das ist verständlich: Die ganze westliche Welt hat ihren beispiellos luxuriösen Lebensstil auf Öl gebaut. Es muss uns aber bewusst sein, dass diese Uhr abläuft, und dies nicht nur aus ökologischen Gründen. Öl ist als Kernrohstoff der petrochemischen Industrie schon heute viel zu kostbar, um es zu verbrennen. Europa ist vielleicht stolz darauf, keine Kriege mehr zu führen, und doch hat es Kriege und Armut im Rahmen des Rohstoff-Imperialismus lediglich an Drittstaaten ausgelagert. Jetzt werden Rohstoffe weltweit knapp, Kolonialismus ist keine Option mehr. Aber es reicht auch nicht für "Wohlstand für alle".

Was also tun? Kurzfristig sind Maßnahmen gegen zu hohe Ölpreise zweifellos nötig, weil es um soziale und wirtschaftliche Stabilität geht. Aber diese Krücke löst kein Problem. Wir brauchen jetzt sofort einen technisch, wirtschaftlich und politisch machbaren Stufenplan für den Abschied vom Öl.

Wenn weiterhin jeder sein Haus auf der grünen Wiese baut und dann "angewiesen ist aufs Auto", dann sind wir als Gesellschaft nicht zukunftsfähig. Sollte jemand ernsthaft glauben, dass er mit Pendlerpauschale und Heizkostenzuschuss aus der Realität flüchten kann, dann ist Öl womöglich noch immer zu billig. Oder?****

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