WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Warum die US-Wirtschaft nicht umzubringen ist... - von Hans Weitmayr

...und insbesondere Europa vorerst darüber froh sein sollte

Wien (OTS) - Diesmal blieb der Aufschrei aus dem Rest der Welt
aus, als die USA einen Anstieg des Jänner-Handelsbilanzdefizits um mehr als vier Prozent meldeten. Steigende Ungleichgewichte aus der Handels- und der daraus hergeleiteten Leistungsbilanz galten die längste Zeit als Zeichen dafür, dass die USA auf Kredit leben. Dabei handle es sich um eine Art postimperiale Steuer, wurde kritisiert, denn aufgrund der Dollar-Vormacht sei der Rest der Welt dazu verdammt, US-Schulden zu kaufen und so ad infinitum die US-Wirtschaft aufgrund der niedrigen Zinsen mehr oder weniger profitfrei zu finanzieren. Das würde zu Ungleichgewichten führen und die Welt irgendwann in den Abgrund stürzen. Die geplatzte US-Immo-Blase gilt als Beweis dieser These.

So weit, so richtig.

So weit, so obsolet.

Denn dieser Tage bedeutet ein steigendes US-Handelsbilanzdefizit genau eines: Der US-Konsument kauft ein. Vielleicht auf Pump, aber er kauft ein. Und zwar aus Ländern wie China, Deutschland und Österreich. Getrieben wird die Importwut einmal mehr vom totgesagten US-Konsumenten. Die USA übernehmen damit von China wieder ihre traditionelle Rolle als globale Konjunkturlokomotive.

Derzeit - und nur derzeit - kann man zu dieser Situation nur sagen:
Gott sei Dank.

Denn die Befürchtung, dass Emerging Market-Volkswirtschaften nach wie vor nicht über die nötige Zugkraft verfügen, um die Welt aus einer Rezession zu holen, bewahrheitet sich dieser Tage. Brasiliens BIP ist 2011 um weniger als drei Prozent gewachsen, Chinas Dynamik tendiert gegen acht Prozent - für das Schwellenland werden damit Kräfte frei, denen man sich im Westen nur in einem rezessiven Umfeld stellen muss. All das darf eigentlich niemanden überraschen, leben diese Volkswirtschaften doch vor allem von einem: dem Export. Eine Exportwirtschaft ohne Exportmarkt kann aber letzten Endes nur eines:
absaufen.

Deshalb ist es unter den aktuellen Umständen so wichtig, dass den USA erlaubt wird, ihre imperialen Steuern einzuheben - denn was beim Hinweis auf die Ungleichgewichte oft und gerne vergessen wird, ist die geschilderte Umwegrentabilität. Diese ist in Boom-Zeiten für den Rest der Welt natürlich marginal - wenn überhaupt vorhanden. In Krisenzeiten ist sie jedoch enorm. Das Lamento, es seien doch die USA gewesen, die uns die Krise eingebrockt hätten, und es erscheine irgendwie pervers, genau dieses Versagen noch zu unterstützen, ist auch wieder richtig.

Und auch wieder obsolet.

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