TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 3. April 2012 von Peter Nindler "Wegschauen schwächt die Gesellschaft"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Tirol hat sich bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle seiner Verantwortung gestellt. Die Herausforderung für Gegenwart und Zukunft ist klar: Menschen vom Rand der Gesellschaft wieder in die Mitte zu führen.

Es sind die langen Schatten der Vergangenheit, denen sich die Kirche und öffentliche Institutionen in den vergangenen zwei Jahren stellen mussten. Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in den Heimen und Internaten ist jedoch noch lange nicht zu Ende, der Selbstreinigungsprozess hat eigentlich erst begonnen. Die finanziellen Entschädigungen können die körperlichen und seelischen Qualen nicht mehr lindern, sie sind lediglich eine sichtbare öffentliche Entschuldigung der heutigen Verantwortungsträger für die Vergangenheit.
Das Land Tirol mit Sozial-LR Gerhard Reheis an der Spitze, die Diözese Innsbruck mit Bischof Manfred Scheuer und die Stadt Innsbruck mit BM Christine Oppitz-Plörer haben die Verantwortung nicht abgeschoben, vielmehr angenommen, und versucht, ein dunkles Kapitel im Land aufzuarbeiten. Natürlich ist das immer noch zu wenig, doch letztlich war ihr Handeln ein wichtiges Signal: nicht nur an die Missbrauchsopfer, denen im Nachhinein nur bedingt geholfen werden konnte, sondern auch an die Gesellschaft in Tirol. Den Schwächsten, ob Kindern, Jugendlichen, Menschen mit Behinderungen, Migranten usw., muss mit Respekt begegnet und ihnen für die Zukunft geholfen werden. Das sind die zentralen Aufgaben für kirchliche und öffentliche Institutionen.
Die Lehren aus der Vergangenheit erschüttern: In Heimen wurden Jugendliche vielfach ihrer Zukunft beraubt, statt Hilfe erhielten sie Hiebe und wurden sexueller Gewalt ausgesetzt. Im späteren Leben sind viele von ihnen gescheitert. Gezeichnet von Gewalt und Missbrauch konnten sie sich in der Gesellschaft nicht zurechtfinden. Ihre Kindheit und ihr Erwachsensein wurden von Gewalttätern zerstört, die sich hinter dem Schutzmantel der Kirche und des Landes versteckt haben.
Heute zeichnet sich eine moderne Sozialpolitik dadurch aus, mit öffentlicher Hilfe Menschen vom Rand der Gesellschaft wieder in die Mitte zu führen und sozial Gefährdete nicht abgleiten zu lassen. Gleichzeitig muss die Sensibilität dafür gesteigert werden, dass das Wegschauen ein Gemeinwesen langfristig schwächt. Wird etwa die Behinderteneinstellungsquote in Betrieben nicht eingehalten, erfüllen Strafzahlungen lediglich den Zweck eines Ablasshandels. Mit gelebter Integrationspolitik hat das nichts zu tun.
Die Herausforderungen beschränken sich nicht nur auf die öffentliche Verantwortung. Jeder Einzelne ist gefordert, ein soziales Netz im Land mitzuknüpfen.

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