"Die Presse" - Leitartikel: Warum die Zentralmatura verschoben werden muss, von Christoph Schwarz

Ausgabe vom 02.04.2012

Wien (OTS) - Die Kontroverse hat einen neuen Grad an Hysterie erreicht. Und wird so zunehmend unerträglich. Die Ministerin muss einlenken, um das Projekt nicht zu gefährden.

Die Akteure der Debatte rund um die Zentralmatura sind mittlerweile ein Fall für die Verhaltenstherapie. Denn die neue, standardisierte Reifeprüfung krankt vor allem an einem: dass die Kontroverse um ihre Einführung im Schuljahr 2013/14 die Sachebene längst verlassen hat -und primär von Ängsten, Verunsicherungen und (leider auch) politisch gesteuerter Propaganda dominiert wird.
Das zentrale Muster, das die zunehmend hysterisch geführte Auseinandersetzung prägt: Jede involvierte Gruppe gibt ihre Ängste und Vorbehalte relativ ungefiltert an die nächste weiter. Nicht wenige Lehrer etwa haben sich und ihre Unsicherheiten, die sie angesichts der neuen Prüfungsmodalitäten (die nicht nur die Leistungen der Schüler, sondern indirekt auch ihre eigenen vergleichbar machen) plagen, nicht im Griff. Und projizieren diese schlicht auf ihre Schüler. Im Unterricht werden dann relativ schamlos Horrorszenarien gezeichnet. Von fehlender Vorbereitung, inexistenten Büchern und Lernunterlagen ist die Rede. Vom Schreckgespenst der Kompetenzorientierung und von einer Flut an Nicht genügend. Die Feststellung, dass dieses Verhalten alles andere als pädagogisch wertvoll ist, ist leider mindestens so unoriginell wie jene, dass man es sich von so manchem Lehrer kaum anders erwartet hätte.
Das dritte Glied in der Kette: die Eltern, die - von den Jugendlichen aufgeschreckt - plötzlich über nie da gewesene und als Marotte des US-Schulsystems verrufene Multiple-Choice-Tests klagen. Die von verstörenden Hintergrundgeräuschen bei Fremdsprachen-Hörübungen zu erzählen wissen. Oder die gehört haben wollen, dass die Maturanten künftig "fast gar nichts mehr selbst schreiben müssen". Und sich fürchten. Es ist ihnen kein Vorwurf zu machen.
Denn auch die Medien nutzen die hoch emotionale Debatte und berichten aufgeregt von falsch gelesenen Notenschlüsseln an Kärntner Schulen, fehlenden Schulbüchern und der Ungleichbehandlung der unterschiedlichen Schultypen. Das für die Umsetzung der neuen Matura verantwortliche Bildungsinstitut Bifie trägt das Seine zur Verunsicherung bei. Statt durch kluge Informationspolitik aufzufallen, glänzt es durch einen vermuteten Finanzskandal samt Abberufung des Institutsleiters.
Welche der vorgebrachten Ängste begründet sind, ist mittlerweile schwer zu sagen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der neuen Matura ist zwischen all dem hilflosen Geraune der Elternvertreter, der (leider auch gewerkschaftlich gesteuerten) Panik der Lehrer und der Beschwichtigungspropaganda des Ministeriums kaum noch möglich.

Schade, dass es so weit kommen musste. Denn die Stoßrichtung der Zentralmatura ist eine gute. Wünschenswert ist nicht nur die angestrebte Vergleichbarkeit der Schüler- und Lehrerleistungen. Selbst hinter dem Unwort der "Kompetenzorientierung", die seit einigen Jahren im Bildungssektor fast mantraartig eingefordert wird, steckt ein verfolgenswertes Ziel. Den Fokus auf Kompetenzen -vereinfacht verstanden als Fertigkeit, Probleme zu lösen und Wissen anzuwenden - zu legen, stünde dem heimischen Schulsystem so schlecht nicht an. Dem wird nicht nur jeder zustimmen müssen, dem bis heute nicht klar ist, wofür genau er im Mathematikunterricht integrieren lernen musste oder den Werdegang römischer Kaiser im Geschichtsunterricht auswendig aufsagen durfte.
Allein: Sachargumente zählen in dieser Eskalationsstufe nicht mehr. Die Frage, ob die Unterrichtsministerin die Zentralmatura, wie sie behauptet, gut vorbereitet hat, ist irrelevant geworden. Wenn Claudia Schmied stur am Zeitplan festhält und die Matura wie geplant umsetzt, bringt sie das gesamte Projekt in Gefahr. Die Logik ist eine einfache: Wenn alle anderen Involvierten vom Scheitern überzeugt sind, ist dieses programmiert.
Letzter Ausweg: Schmied muss den Start der Matura verschieben, so wie es - und ja, diese Feststellung schmerzt - die Lehrergewerkschaft fordert. Dann liegt es an ihr, Schüler, Eltern und natürlich Lehrer besser zu informieren. Nur so kann es gelingen, die negativen Emotionen in den Griff zu kriegen. Alle anderen sind gefordert, ihren Teil dazu beizutragen. Nur das ist im Sinn der Maturanten.

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