Kardinal Schönborn: "Umkehr ist das große Zukunftsthema"

Wiener Erzbischof prognostiziert in Interview für sechs österreichische Tageszeitungen "schwierige Zeiten" - Wirtschaft braucht Perspektive jenseits des "Imperativs des Wachstums", Staat braucht "Demokratiepflege"

Wien, 30.03.12 (KAP) "Umkehr ist das große Zukunftsthema": Diese Überzeugung äußert Kardinal Christoph Schönborn in einem am Freitag erschienenen Großinterview für sechs österreichische Tageszeitungen. "In allen Lebensbereichen stoßen wir an Grenzen", so der Wiener Erzbischof. Die "Wachstumsperspektive" der vergangenen Jahrzehnte sei "radikal an eine Grenze gestoßen", Wirtschaft und Politik befänden sich in einer Krise, die eine Rückbesinnung auf "klassische elementare Tugenden" wie Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Anstand erfordere.

In den auf das Gemeinwesen zukommenden "schwierigen Zeiten" werde es darum gehen, "mit Verzicht umzugehen", sagte Schönborn. Es gelte sich der Tatsache zu stellen, "dass wir als Gesellschaft über unsere Verhältnisse gelebt haben". Die Wirtschaft brauche eine Perspektive jenseits des "Imperativs des Wachstums". Sonst drohen nach den Worten des Kardinals "Lösungen" in Form eines großen Krachs, einer Weltwirtschaftskrise oder hoher Inflation. Sogar in Kriege habe man sich in der Geschichte geflüchtet.

"Diese Perspektiven sind alles eher als erfreulich und deshalb müssen wir jetzt, wo es uns noch relativ gut geht - und ich fürchte, das wird nicht so bleiben -, vorrangig auf die Werte setzen, die man in schwierigen Zeiten braucht", appellierte Schönborn. Angesichts drohender Verteilungskämpfe seien Solidarität und Zueinander-Stehen notwendig.

Von den jüngsten Korruptionsfällen und politischen Skandalen zeigte sich der Wiener Erzbischof "betroffen". "Da braucht es einen entschiedenen Willen, dass so etwas in unserem Land nicht Platz haben darf", sagte Schönborn. Es sei nicht ausreichend, dass sich Politiker lediglich an die Gesetze halten. Wenn es darüber kein "moralisches Grundgesetz" und "keinen Genierer" gebe, "ist die Demokratie sehr gefährdet". Auf die Frage, ob er die Demokratie in Österreich tatsächlich gefährdet sehe, antwortete Schönborn wörtlich: "Ich sehe zumindest einen dringenden Bedarf einer Demokratiepflege."

Schönborn wies auf Italien als Vorbild hin, wo mit der Regierung Monti "emotional eine Wende eingetreten" sei. "Man hat den Eindruck, es werden die guten Kräfte mobilisiert." Auch in Österreich gebe es viele gute, anständige Kräfte auf allen Ebenen der Gesellschaft. Vertrauen sei die Grundlage des Wirtschaftens und der Politik. Auf die Frage nach einem eigenen Verhaltenskodex für Politiker, den Vizekanzler Michael Spindelegger zuletzt angekündigt hatte, verwies der Kardinal auf die zehn Gebote; "es ist nicht verboten, sie zu kennen".

Schönborn würde sich - wie er sagte - für Österreich "eine Allianz der weisen und erfahren Menschen" wünschen. "Wir brauchen einen Zukunftsdialog, an dem sich viele beteiligen." Es fehle ein Diskurs über die Zukunft.

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