TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Freitag, 30. März 2012, von Wolfgang Sablatnig: "Der Pragmatismus der Frau Schmied"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Die Neue Mittelschule bringt eine Verbesserung für die Hauptschüler. Das ist nicht wenig. Sie ist aber weit davon entfernt, eine Antwort auf den ideologisch schwer belasteten Streit um die Gesamtschule zu sein.

Ist sie nun halbvoll oder halbleer - nicht das Glas, die Neue Mittelschule, die der Nationalrat gestern auf den Weg gebracht hat. Ab 2018 soll der neue Schultyp die bisherige Hauptschule abgelöst haben. Gemeinsamer Unterricht für alle statt der bisherigen Leistungsgruppen - und trotzdem eine Beurteilung, die ans Leistungsniveau jedes und jeder einzelnen angepasst ist: Das ist der Spagat, den die Lehrer in dieser neuen Schule schaffen sollen. Zusätzliche Lehrerposten für das "Teamteaching" sollen diese innere Differenzierung mit Leben erfüllen. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) schwärmte gestern von einem neuen "Klima" in der Schule und einer neuen Lernkultur.
Das ist freilich nur die halbe Wahrheit. Denn wenn Schmied die Mittelschule als das "Machbare auf dem Weg zur gemeinsamen Schule" bezeichnet, verschleiert sie damit nur, dass sie auf diesem Weg keinen Schritt vorangekommen ist. Denn am Beharren der ÖVP auf dem differenzierten Schulsystem hat sich nichts geändert. "Die Neue Mittelschule kommt und das Gymnasium bleibt", sagen die Schwarzen und rücken davon nicht ab.
Die Auseinandersetzung über die gemeinsame Schule wird daher wiederkommen, spätestens im nächsten Wahlkampf. Die SPÖ muss weiterhin auf eine künftige Mehrheit abseits der ÖVP hoffen, um ihrem Dogma von der Gesamtschule zum Durchbruch zu verhelfen.
So gesehen ist das Glas halb leer, auch wenn die zusätzlichen Lehrerstunden und die neuen pädagogischen Konzepte Realität sind. Die Hauptschülerinnen und Hauptschüler werden davon profitieren. Das ist nicht wenig, angesichts der jahrzehntelangen Blockade in der Bildungspolitik und der regelmäßigen Klagen aus der Wirtschaft über das mangelnde Bildungsniveau der Schulabgänger.
Ganz pragmatisch gesehen hat die Koalition also die Hauptschulen als Problem erkannt und ihnen mehr Mittel gegeben. Ganz so wie Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle mit seiner Uni-Milliarde die ärgsten Nöte der Hochschulen dieses Landes lindert.
Dieser Pragmatismus mag zwar reichen, um Lücken zu stopfen. Um in der Bildung tatsächlich zu den Top-Staaten zu gehören, wie es die Regierung immer wieder fordert, wird das aber nicht ausreichen. Nur wenn SPÖ und ÖVP über die Zukunft der Bildung einig wären, könnten sie auch Visionen entwickeln. Aber dieses Glas ist leider leer, ganz leer.

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