Übertritt in die AHS: Brandsteidl und Lehrervertreter für Notenwahrheit

Wien (OTS) - "Ein Vergleich der aktuellen Wiener AHS-Übertrittsraten zeigt deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bezirken und macht somit die Frage nach der Notenwahrheit zu einem Thema, mit dem wir uns ernsthaft auseinandersetzen müssen", stellte Wiens Amtsführende Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl im Rahmen einer Pressekonferenz mit dem Vorsitzenden der Personalvertretung der Pflichtschullehrer Stephan Maresch und dem Stellvertretenden Vorsitzenden der Pflichtschullehrergewerkschaft Thomas Bulant fest.

AHS-Übertritte nach der 4. Schulstufe in Prozent

Innere Stadt: 94,12 Prozent
Leopoldstadt: 50,59 Prozent
Landstraße: 54,50 Prozent
Wieden: 77,23 Prozent
Margareten: 35,99 Prozent
Mariahilf: 67,43 Prozent
Neubau: 70,83 Prozent
Josefstadt: 80,13 Prozent
Alsergrund: 68,49 Prozent
Favoriten: 44,39 Prozent
Simmering: 45,80 Prozent
Meidling: 42,61 Prozent
Hietzing: 78,62 Prozent
Penzing: 59,91 Prozent
Rudolfsheim-Fünfhaus: 39,00 Prozent
Ottakring: 40,20 Prozent
Hernals: 61,04 Prozent
Währing: 77,58 Prozent
Döbling: 69,20 Prozent
Brigittenau: 41,70 Prozent
Floridsdorf: 48,00 Prozent
Donaustadt: 63,17 Prozent
Liesing: 50,66 Prozent

Brandsteidl: "Auch wenn die soziale Zusammensetzung und der Bildungshintergrund der Eltern und der mit diesen verbundene Förderungsgrad der Kinder nach Bezirken unterschiedlich ist, reicht dies nicht aus, um sich derartige Differenzen zu erklären. Vielmehr müssen wir davon ausgehen, dass - bei (sozial unabhängiger) relativer Gleichverteilung von Begabung und Intelligenz bei Kindern - in vielen Fällen der von Eltern erzeugte Druck auf Lehrer, die Kinder AHS-reif zu beurteilen, von größter Bedeutung ist."

Sie unterstrich, dass so richtig die politische Forderung nach einer Selektion durch Noten unnötig machenden gemeinsamen Schule der 10- bis 14-jährigen (Wiener Mittelschule) ist, in der momentanen Situation Lehrern dennoch der Rücken zu stärken sei. "Wir unterstützen die Lehrer darin, diesem Druck nicht nachzugeben und auf Basis der geltenden gesetzlichen Bestimmungen korrekt zu benoten. Wiens Lehrer genießen die volle Rückendeckung der Schulbehörde. Das ist kein Freibrief für Notenwillkür, sondern ein Ausdruck des Vertrauens in die pädagogische Expertise unserer Lehrer."

Korrelation der Noten mit dem Wiener Lesetest

Eine zusätzliche Sichtbarkeit der "Problematik Notenwahrheit" hat sich durch den "Wiener Lesetest" ergeben. In dessen Nachanalyse wurde im Vergleich der Lesetestergebnisse mit der Benotung der Kinder im Unterrichtsgegenstand Deutsch eine statistische Gesamtkorrelation von 0,643 (1=völlige Übereinstimmung; 0=keine Korrelation; -1=maximale Negativkorrelation) festgehalten. Dieser Wert drückt aus, dass es eine hohe Übereinstimmung der Lesekompetenzen der Kinder mit ihrer tatsächlichen Beurteilung gibt (und dennoch zusätzliche Fähigkeiten außer der Lesefertigkeit berücksichtigt wurden). In Detailergebnissen jedoch wurden auch bei dieser Lesetest-Nachanalyse Indizien einer Notenwahrheits-Problematik sichtbar. So konnte erforscht werden, dass aus der Gruppe der sogenannten Risikoschüler (Schüler, die beim Lesetest nicht ausreichende Lesefertigkeiten gezeigt haben) 4,9 Prozent dennoch ein Sehr gut und 19,9 Prozent ein Gut als Note erhalten haben. Auch bei Berücksichtigung von Ausnahmefällen wie "besondere Lernzuwächse", die ein Schüler während des Unterrichtsjahres gezeigt hat, ist zu hinterfragen, wie des Lesens im Wesentlichen nicht mächtige Schüler eine Beurteilung in Deutsch erhalten, die zum Besuch einer AHS berechtigt.

Brandsteidl: "Es geht mir nicht darum, Strenge einzufordern, sondern darum, dass die Bestimmungen zur Leistungsbeurteilung eingehalten werden. Denn: Auf Noten muss Verlass sein."

Stephan Maresch, Vorsitzender der Personalvertretung der Wiener Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer: "Viele Eltern sind der Ansicht, dass mittelmäßige Noten ihren Kindern "die Zukunft verbauen" und versuchen folglich vermehrt Druck über alle Instanzen auf die LehrerInnen auszuüben. Der Druck auf die Kollegenschaft speziell an den Nahtstellen und dort vor allem am Übergang von der Volksschule zur Sekundarstufe 1 wird immer größer.
Für die Entwicklung der Gesellschaft ist das abträglich, da diese Interventionen in eine Sackgasse führen. Es wird damit keine bessere Leistung erreicht, sondern es ergeben sich daraus lediglich verfälschte Beurteilungen. Die Standesvertretung versucht seit längerem dagegen zu steuern. Daher ist es enorm wichtig, dass der Stadtschulrat für Wien als vorgesetzte Dienstbehörde nun in einer gemeinsamen Pressekonferenz an die Öffentlichkeit geht, unseren LehrerInnen Unterstützung zusagt und sie mit dem Problem nicht alleine lässt. Leistung muss in der Schule wieder einen höheren Stellenwert bekommen und eine gerechte Beurteilung von allen Schulpartnern mitgetragen werden."

"System und Gesellschaft drängen viele LehrerInnen in einen Rechtfertigungsnotstand, nur weil sie Schülerleistungen gesetzesgemäß beurteilen. Gefälligkeitsnoten sind oftmals die Folge. Die Hysterie rund um das Erlangen der AHS-Reife und eine falsch verstandene "Kundenfreundlichkeit" siegen über die Notenwahrheit. Als Gewerkschafter bin ich mit der Stadtschulratspräsidentin einer Meinung, dass Schulleitungen und Schulaufsicht ihre LehrerInnen zu unterstützen haben: Die Leistungsbeurteilung ist laut Schulunterrichtsgesetz eindeutig die Kompetenz der LehrerIn", ergänzte Thomas Bulant, Stellvertretender Vorsitzender der Pflichtschullehrergewerkschaft. (Schluss) ssr

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