WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - von Wolfgang Unterhuber

Mit Österreich hätte Wladimir I. Lenin seine Freude

Wien (OTS) - Österreich ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hierzulande ist es zum Beispiel möglich, dass Sie eine PR-Agentur gründen, ein Unternehmen wie die Telekom als Kunden finden und dieses Unternehmen wie einen Bankomaten bedienen können. Hierzulande können Sie mündliche Verträge abschließen, bei denen Sie Zehntausende Euro einheimsen, ohne dass Sie dafür irgendwelche sichtbaren Leistungen erbringen müssen. Hierzulande ist es auch möglich, dass sich Politiker, Lobbyisten und Unternehmer gegenseitig zu fröhlichen Jagdrunden zusammenfinden, ohne dass klar ist, wer auf welche Kosten dabei eigentlich einen Bock schießt. Nur eines ist klar: Der Steuerzahler (oder der Anleger) zahlt immer.

Stellt sich die Frage, ob diese Anhäufung unbegrenzter Geschäftsmöglichkeiten - gemeinhin auch Skandale genannt - nur Zufall ist, oder ob das uns Österreichern im Blut liegt? Zunächst bedarf es einer Relativierung: Skandale gibt es immer und überall. Da ist Österreich keine Ausnahme - siehe etwa das Malheur mit dem deutschen Bundespräsidenten oder die Korruptionsanfälligkeit osteuropäischer Import-Export-Unternehmer. In Österreich fällt auf, dass die Mentalität der Selbstbereicherung vor dem Hintergrund politischer Umbrüche voll zum Tragen kommt. In der Zweiten Republik sind das zwei Perioden: Die SPÖ-Alleinregierung von 1970 bis 1983 und die Quasi-ÖVP-Alleinregierung von 2000 bis 2006. In beiden Perioden wurden kleine und große Funktionäre in den herrschenden Parteien offensichtlich vom absoluten Machtwahn befallen. Der Telekom-Skandal zeigt das deutlich, ebenso wie der Lucona-Skandal, der rund um den SPÖ-Hofnarren Udo Proksch seine Wurzeln in den 70er-Jahren hatte.

Darüber hinaus hat Österreich jedoch das Problem, dass die Parteien der Maxime des Bolschewistenführers Wladimir I. Lenin folgen, die da lautet: Die Partei muss den Staat komplett durchdringen! Daraus folgt, dass Geschäfte ohne Wohlwollen der Parteifunktionäre unmöglich sind. Jedes Korruptionsgesetz, jeder Verhaltenskodex, den sich die Parteien selbst auferlegen, ist vor diesem Hintergrund zwecklos. Solange die Parteien den Staat im Würgegriff haben, werden wir immer das Land der unbegrenzten Korruptionsmöglichkeiten bleiben.

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