WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Schmiergeld, Kavaliersdelikte und Arroganz - von Eva Komarek

Es herrscht das Prinzip des totalen Opportunismus

Wien (OTS) - Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral", sagt Bert Brechts Gangster Macheath in der Dreigroschenoper. Für den Marxisten Brecht schlossen Wohlstand und Anstand einander aus. Schaut man sich in Österreich um, will man ihm fast recht geben. Das Vertrauen in die Integrität von Politikern und Managern ist ins Bodenlose gefallen. Nie zuvor gab es so viele Ermittlungsverfahren gegen Politiker und Manager wegen Bestechung, Untreue, Betrug und Insiderhandel. Ein Ende ist nicht absehbar. Ständig kommen neue Korruptionsfälle ans Tageslicht, und auch der weltweite Korruptionsindex Transparency International dokumentiert den Verfall:
Jährlich rutschen wir weiter ab, zuletzt von Platz 15 auf 16. Verglichen mit demokratisch hoch entwickelten Industriestaaten liegen wir damit nur mehr im schlechten Mittelfeld. Es herrscht das Prinzip des totalen Opportunismus. Und solange Schmiergeldaffären und Insiderhandel als Kavaliersdelikte abgetan werden, wird sich am moralischen Verfall dieser Republik nichts ändern und die Arroganz der Akteure zunehmen.

Der Volkswirtschaft fügt dieses Verhalten einen enormen Schaden zu. Laut einer Studie des Linzer Wirtschaftsprofessors Friedrich Schneider kostete Korruption den Staat 2010 25 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung. Heuer werden es sogar 27 Milliarden sein. Denn wenn der Staat teuer baut, weil nicht der Bestbieter zum Zug kommt, nicht die beste Dienstleistung eingekauft wurde, weil bestochen wurde, muss er mehr Geld ausgeben. Damit kommen auch nicht die besten und produktivsten Firmen zum Zug, sondern jene, die am besten bestechen können, bringt es Schneider auf den Punkt. Letztlich reagieren auch die Börsen sensibel, denn wo Misstrauen herrscht, wird nicht investiert. Das schlägt sich auch in der Unternehmensfinanzierung nieder, die somit teurer wird.

Hat Brechts Macheath also recht? Nein, ganz im Gegenteil: Ohne Moral funktioniert keine Form des menschlichen Zusammenlebens, und dann gibt es auch nichts zum "Fressen". Insbesondere die liberale Wirtschaft baut auf einen informellen Wertekanon, an den sich Verantwortliche halten - Verträge werden eingehalten, Rechnungen bezahlt, Aktionäre, Wettbewerber, Zulieferer und Kunden fair behandelt. Nur wenn sich die große Mehrheit diesen Spielregeln unterwirft, funktioniert die Wirtschaft reibungslos. Nehmen jedoch die Verstöße überhand und wird Gier zum bestimmenden Verhaltensmuster, dann wird die Wirtschaft insgesamt geschwächt.

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt Verlag AG
Tel.: Tel.: 01/60117 / 300
redaktion@wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0002