Tiroler Tageszeitung, Leitartikel, Ausgabe vom 19. März 2012. Von ALOIS VAHRNER. "Kirche und ein Hauch von Demokratie".

Innsbruck (OTS) - Untertitel: 4,5 Millionen Katholiken in ganz Österreich waren gestern zur Pfarrgemeinderatswahl aufgerufen. Ohne die Mitarbeit der Laien wären viele Pfarren längst funktionsunfähig. Vorstöße der Kirchenbasis werden trotzdem ignoriert.

Mit dem 2. Vatikanischen Konzil wagte die katholische Kirche einen Aufbruch und einen teilweisen Ausbruch aus verkrusteten Strukturen. Auch die Einrichtung der Pfarrgemeinderäte ist letztlich eine Folge des Konzils.
Alle fünf Jahre sind Österreichs Katholiken aufgerufen, an die 30.000 Pfarrgemeinderatsmitglieder in 3000 Pfarren zu wählen. Hauptaufgabe ist es, gemeinsam mit den Geistlichen und den hauptamtlichen Kirchenmitarbeitern die Abläufe in einer Gemeinde mitzugestalten. Die gestrige Wahl stand unter besonders brisanten Vorzeichen. Vor einem Jahr hatte eine Serie von - meist Jahrzehnte zurückliegenden -Missbrauchsfällen die Kirche in eine schwere (Vertrauens-)Krise gestürzt. Die Zahl der Kirchenaustritte war dadurch noch weiter nach oben geschnellt. Dazu kommt der Umstand, dass die Zahl der Priester und damit die "Versorgung" für die gut 3000 österreichischen Pfarren weiter dramatisch abnimmt - weil fast keine jungen Priester für die ausscheidenden älteren nachkommen. Die Seelsorgsräume, die Pfarrer zu betreuen haben, werden dadurch immer größer.
Genau hier setzt die Initiative Hunderter Pfarrer an, die zum Ungehorsam gegen die Kirchenleitung aufgerufen hat - und nach Reformen bis hin zur Zulassung von Frauen und von verheirateten Priestern ruft. Initiator Helmut Schüller meint dazu: "Die Kirche sollte endlich anfangen, das Kirchenvolk ernst zu nehmen."
Ob nur mangels Spielraum von Rom oder auch aus Überzeugung:
Österreichs Bischöfe schmetterten die Vorstöße der Rebellen, die einen nicht kleinen Teil weiterer Geistlicher und der Gläubigen hinter sich wissen, bisher ab. Wie schon einst die Forderungen des Kirchenvolksbegehrens. Und sie warnen fast gebetsmühlenartig vor der Gefahr einer Kirchenspaltung.
Ein Faktum allerdings hat jüngst erst Kardinal Christoph Schönborn betont: "Ohne Pfarrgemeinderäte würde heute keine Pfarre mehr funktionieren." Neben den Pfarrgemeinderäten sind es weitere Zehntausende Laien, die mit ihrem unbezahlten und unbezahlbaren Einsatz das kirchliche Leben vor Ort aufrechterhalten.
Hält die Kirchenleitung freilich an ihrem Kurs fest, wird sich dieser Umstand künftig weiter dramatisch verschärfen. Die Bischöfe reden gerne vom Dialog. Dieser ist aber laut Definition kein Diktat von oben, sondern "eine mündlich oder schriftlich zwischen zwei oder mehreren Personen geführte Rede und Gegenrede". Ein Thema, mit dem sich die heutige Bischofskonferenz befassen sollte.

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