TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 15. März 2012 von Peter Nindler "Ein schmerzlicher Tabubruch"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Wird eine Kirche vermietet oder droht ihr gar wie in Innsbruck der Abriss, so spiegelt dies eine bittere Realität in der katholischen Kirche wider. Die Aufwendungen für Sakralbauten sind enorm, die Kirchgänger werden immer weniger.

Die Pfarrkirche St. Norbert in
Innsbruck ist weder bekannt noch berühmt, aber ein Gotteshaus für engagierte Christen. Heute ist sie desolat, ihre Renovierung wäre aufwändig und kostspielig. Grundsätzlich stehen Sakralbauten unter Denkmalschutz, weil sie Teil des heimischen Kulturguts sind. Damit lässt sich die Grundproblematik jedoch nicht lösen. Millionen werden jährlich für den äußerlichen Glanz von Kirchen aufgewandt, während das Innenleben zusehends verarmt. Die Zahl der Kirchgänger geht dramatisch zurück, Gottesdienste werden gestrichen und Pfarren zusammengelegt. St. Norbert ist ein drastisches Beispiel dafür, doch eines, das zum Nachdenken anregt. Weil sich an den Konfliktlinien dieser Pfarrkirche ein schmerzlicher Tabubruch vollzieht.
Der Wert eines Gotteshauses lässt sich nicht mit Geld bewerten, doch angesichts der Entwicklung in der katholischen Kirche muss man sich schon die Frage stellen, ob seit Jahren richtig investiert wird. Es vergeht kein Wochenende, an dem nicht in einer der 294 Tiroler Pfarrgemeinden ein feierlicher Renovierungsgottesdienst zelebriert wird. Denn viele Pfarrer verstehen sich nach wie vor nicht nur als Seelenhirten, sondern auch als irdische Baumeister. Verständlich, weil sie schließlich etwas erhalten wollen. Der Glaube benötigt Symbole und eine Kirche ist auch ein Ort der Besinnung und Begegnung für Menschen und mit Menschen.
Doch längst muss der Glaube über den Kirchturm hinaus gelebt werden, 39 Seelsorgeräume mit mehreren Pfarren gibt es bereits in Tirol. Was nützen die schönsten und kulturell wertvollsten Sakralbauten, wenn die Kirchenbänke leer bleiben? Bewahren und erhalten ist das eine, erneuern das andere. Die Diözesen müssen deshalb in das Zusammenwachsen und in neue Gemeinschaften investieren. Hätte die serbisch-orthodoxe Kirche St. Norbert angemietet und auf eigene Kosten renoviert, dann wäre dagegen sicher nichts einzuwenden gewesen. Warum auch? Und wenn nach einem möglichen Abriss etwas Wertvolleres entsteht, sollte das positiv begleitet werden.
Die kleine Pfarrkirche in Innsbruck ist sicher eine Ausnahme, aber ihr Schicksal steht für viele offene Fragen in der Diözese. Wer wird in zehn Jahren überhaupt noch die Kirchentüren aufsperren? Wie schaffen es 142 aktive Priester, 403.000 Gläubige zu betreuen? Wenn sich die Kirche endlich öffnet, werden ihr vielleicht wieder die Katholiken die Türen einrennen. Und dann wird sicher keine Kirche mehr infrage gestellt werden.

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