TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Donnerstag, 1. März 2012, von Christian Willim: "Handschellen für die Datenkrake"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Mit Hilfe seiner neuen Datenschutzrichtlinien dringt Google noch tiefer in das Leben seiner Nutzer ein. Die Politik schaut ohnmächtig zu. Dabei sollte sie sich schnell überlegen, wie sie der Datenkrake Handschellen anlegen kann.

Google weiß, was du letzten Sommer getan hast. Nein? Nicht vielleicht den Urlaubsort "gegoogelt" oder nach einem passenden Reiseführer gesucht? Erfüllt sich die Vision des Internetriesen, weiß er künftig auch, was wir denken. Abgeleitet von den persönlichen Interessen möchte die Suchmaschine nämlich erahnen, was seine Nutzer gerade umtreibt. Etwa, was sie wirklich meinen, wenn sie Golf eintippen -das Auto oder den Sport. Das geht natürlich umso besser, je mehr der Internetriese über jeden Einzelnen weiß. Und dabei werden ihm künftig nicht nur die Internetabfragen helfen, sondern auch die Nutzerdaten aus all seinen rund 70 anderen Diensten. Eine neue Datenschutzrichtlinie, die heute in Kraft tritt, macht die Verknüpfung möglich.
Damit kann das Unternehmen aus einem großen Fundus schöpfen. Picasa ist eine beliebte Fotoplattform. Im Google-Kalender werden ganze Tagesabläufe abgespeichert. Über das Betriebssystem Android, das ebenfalls ein Google-Produkt ist, hat sich der Datensammler inzwischen auf Millionen Smartphones eingenistet. Die Besitzer verraten unter Umständen, wo sie gerade sind oder - bei Nutzung der Navigationsfunktion - wo sie gerade hinwollen. Erst am Montag verkündete das Unternehmen stolz, dass jeden Tag weltweit 850.000 Android-Geräte aktiviert werden.
Viel Wissen in einer Hand. Wer glaubt, dass das nur dazu verwendet wird, um den Nutzern ihr Leben zu erleichtern - das behauptet Google nämlich -, dem ist auch nicht mehr zu helfen. Der Konzern verdient Milliarden mit personalisierter Werbung. Und er kümmert sich nicht im Geringsten um die Bedenken von Datenschützern. Die sind sich darin einig, dass die neuen Richtlinien gegen EU-Recht verstoßen. Google bekommt zwar inzwischen sogar in seiner Heimat USA Gegenwind, wo Datenschutz eigentlich nicht besonders groß geschrieben wird. Doch darauf kann sich die EU nicht verlassen. Sie wird vielmehr selbst Möglichkeiten finden müssen, der Datenkrake Handschellen anzulegen -zum Schutz ihrer Bürger.
Dass auch Firmen mit Sitz in den USA beizukommen ist, zeigte die EU in der Vergangenheit immer wieder bei Wettbewerbsverstößen. So mussten die US-Konzerne Intel und Microsoft wegen des Missbrauchs ihrer Marktdominanz bereits Bußgelder in Milliardenhöhe zahlen. Das sind Summen, die auch Riesen schmerzen. Und solche Strafen kratzen am Image, das Google stets teuer war.

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