"Kleine Zeitung" Kommentar: "Zwischen Modediagnose und schwerer Krankheit" (Von Carina Kerschbaumer)

Ausgabe vom 1.3.2012

Graz (OTS) - Massiven Handlungsbedarf" bei psychischen
Erkrankungen am Arbeitsplatz stellt nun auch der Hauptverband der Sozialversicherungen fest. Ob aber der soeben beschlossene Maßnahmenkatalog, der bei der betrieblichen Gesundheitsförderung künftig einen Schwerpunkt im Bereich psychischer Gesundheit vorsieht, ausreichen wird, ist fraglich. Nicht nur, weil sich damit an den Wartezeiten für psychisch Erkrankte nichts ändern wird, sondern weil die steigende Zahl der Erkrankungen zwangsläufig noch längere Wartezeiten mit sich bringen wird. Wenn die Krankenstände bei psychischen Diagnosen wie derzeit doppelt so schnell steigen wie bei körperlich bedingten Krankenständen, wird es trotz aller Sparprogramme zu einer Ausweitung der bezahlten Therapiestunden kommen müssen.

Die laufende Debatte, ob nun Burn-out nur eine poppige Modediagnose für gestresste, erschöpfte Arbeitnehmer ist oder aber eine Umschreibung für Depression, kann da keine Rolle spielen. Denn auch wer erschöpft ist und die Erschöpfungszustände ignoriert, wird über kurz oder lang zu jenen zählen, die aus psychischen Krankheitsgründen die österreichische Wirtschaft jährlich 1,2 Milliarden Euro kosten.

Was nötig wäre, ist der schnellere Zugang zu Hilfe, um Seeleninfarkte zu verhindern. Seeleninfarkte, die je später sie behandelt werden, kostspieliger für alle Beteiligten werden. Es geht aber auch darum, nicht über den inflationären Gebrauch des Wortes "Burn-out" oder über die mögliche Verharmlosung von Depressionen durch dieses Modewort zu klagen. Oder darüber, dass der Begriff Burn-out allzu schwammig ist und ein hervorragendes Geschäft für die gesamte Seelenindustrie bis zum Wellnesshotel darstellt. Es geht darum, dass Burn-out vor Stigmatisierung schützt und somit bei vielen die Bereitschaft, sich eine Krankheit einzugestehen, höher ist als beim Begriff "Depression". Da spielt es dann auch keine Rolle, wenn Burn-out, wie die Psychiatrie-Chefin der Charité in Berlin meint, ein medizinisch sinnloser Begriff ist, weil ein behandlungswürdiges Burn-out und eine Depression dasselbe seien.

Ob normale Lebenskrise oder Depression, Hilfe wird in beiden Fällen benötigt. Der Schweizer Bundesrat überlegt gerade Psychotherapie generell auf Krankenschein anzubieten, um die Folgekosten zu reduzieren. Ein Schritt, der in Österreich angesichts leerer Kassen illusorisch erscheint. Aber mehr Bewusstsein in Betrieben und Kassen für Hilfen lange vor Zusammenbrüchen wäre hoch an der Zeit.****

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