"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Angst der Urheber vor den Schwarzfahrern" (von Ernst Sittinger)

Ausgabe vom 08.02.2012

Graz (OTS) - Seit Monaten tobt eine elektronische Schlacht:
Weltweit wehren sich Millionen von Internetnutzern gegen das Antipiraterieabkommen "Acta". Inhalt des umkämpften Papiers ist ein verschärfter Urheberrechtsschutz, der digitale Übergriffe auf geistiges Eigentum streng bestraft. Betroffen sind Musik, Videos, Fotos, aber auch Design oder Heilmittel, wenn etwa Nachbaumedikamente (Generika) illegal vertrieben werden.

Da auch Netzzugangssperren sowie Eingriffs- und Überwachungsrechte geplant sind, sehen die Gegner von Acta elementare Grundrechte bedroht: etwa den Schutz der Privatsphäre oder das Recht auf freie Meinungsäußerung. Spekuliert wird auch über mögliche Folgen für die Medizinversorgung in Entwicklungsländern.

In Wahrheit reicht der Konflikt viel tiefer, es ist ein Zusammenprall von Kulturen. Auf dem Spiel steht die offene Struktur des Internets, dessen User-Gemeinschaft nur mehr bedingt bereit ist, geistiges Eigentum zu respektieren. Es geht also um einen Nutzungskonflikt zwischen Urhebern und Anwendern schöpferischer Werke. Und es geht um die Kulturfrage, in welchem Umfang ein offenes Netz staatliche Überwachung verträgt.

Ist Urheberrechtsschutz noch zeitgemäß? Nein, sagt inzwischen wohl eine Mehrheit der Internetnutzer. Die Generation Mausklick hat sich daran gewöhnt, im Netz ein Gratisuniversum vorzufinden. Tatsächlich erhält man fast jeden Inhalt irgendwie auch gratis, wenn man Qualitätsansprüche oder Moralschranken tief genug legt. Die These, es gebe gar kein geistiges Eigentum, könnte sich hier unerwartet bewahrheiten - nicht mangels Eigentums, sondern mangels Geistes. Es droht eine Lage, in der nichts etwas kostet, weil letztlich auch nur wenig etwas wert ist.

Umgekehrt darf man sich den "Urheber" nicht als darbendes Genie vorstellen, das im Hinterzimmer am Hungertuch nagt. Musikrechte werden durch knallharte Verwertungsgesellschaften gebündelt, die mit Monopolstrukturen Profite scheffeln. Sie wären schon längst aufgerufen gewesen, faire und billige Vertriebswege im Netz zu eröffnen, haben den Trend aber verschlafen und ernten jetzt den gesäten Sturm.

Auf die Balance kommt es an. Der Charakter des freien Netzes muss gewahrt bleiben, ohne kreative Geister zu enteignen. Politiker müssen Acta besser formulieren, besser begründen und transparent machen. Sie sind jetzt gefordert, einmal explizit für die ganz jungen Staatsbürger etwas zu tun - ein Umstand, der sich auch als Kitt für die Gesellschaft erweisen kann.****

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