"Die Presse"-Leitartikel: Die irreführende Fixierung auf die Islamisten, von Helmar Dumbs

Ausgabe vom 02.Februar 2012

Wien (OTS) - Entscheidend wird nicht sein, ob die
Sicherheitskräfte tatsächlich hinter der Katastrophe von Port Said stecken. Sondern ob die Ägypter dies glauben.

Die Schwaden der Rauchkörper über dem Fußballstadion von Port Said am Suezkanal hatten sich kaum verzogen, da zogen bereits neue Nebel auf:
Bei der Suche nach den Schuldigen für die Katastrophe von Mittwochnacht war rasch der Vorwurf zur Hand, die Sicherheitskräfte hätten das Blutbad nicht nur zugelassen, sondern steckten gar als Anstifter dahinter.

Noch ist es viel zu früh, darüber eine endgültige Aussage zu treffen. Und angesichts des Umstandes, dass es seit dem Sturz von Ex-Diktator Hosni Mubarak vor einem Jahr zum regelrechten Volkssport geworden ist, die - in der Tat nach wie vor mächtigen - Kräfte des alten Regimes für alles, was am Nil nicht optimal läuft, verantwortlich zu machen, ist Vorsicht geboten. Das Kushari (ein ägyptisches Nationalgericht) schmeckt verdorben? Da müssen doch die Generäle ihre Hand im Spiel haben! An einer Pyramide bröckelt die Verkleidung ab? Das kann nur Mubaraks Sohn Gamal zwischen zwei Prozessterminen befohlen haben.

Man sollte also zunächst nüchtern betrachten, was eigentlich passiert ist: Fans eines Fußballklubs stürmten nach dem Ende des Spiels (das ihr Verein gewonnen hat) aufs Feld, attackierten Spieler und Anhänger der gegnerischen Mannschaft. Es kam zu brutalen Schlägereien der teils nahkampferprobten Fans und zu panikartigen Fluchtszenen. Am Ende blieben fast 80 Menschen tot und über 100 verletzt auf dem Fußballfeld zurück.

Man muss aber auch betrachten, was nicht passiert ist: Wie Videos zeigen, haben die Sicherheitskräfte lange keinen Finger, geschweige denn Knüppel gerührt, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Und das wirkt in einem Land, in dem es erstens nicht gerade an Sicherheitskräften mangelt und in dem die Polizei zweitens nicht dafür bekannt ist, zimperlich zu sein - die Aktivisten vom Tahrir-Platz können ein Lied davon singen -, doch mehr als erstaunlich.

Also: Nur weil du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht trotzdem hinter dir her sind.

Vermutlich ist es aber gar nicht so wichtig, welche Rolle die Sicherheitskräfte in Port Said tatsächlich gespielt haben. Entscheidender wird sein, was die Menschen glauben. Und da war schon Stunden nach dem Unglück die Tendenz überdeutlich: Der Militärrat habe Chaos gestiftet, um sich als Retter präsentieren zu können. Schon wird die "Exekution des Feldmarschalls" gefordert.

Auf jeden Fall legen die Empörten den Finger auf die größte Wunde des postrevolutionären Ägypten: Mubarak wurde gestürzt, Wahlen wurden abgehalten, doch das Sagen haben weiterhin jene, die es auch in den vergangenen Jahrzehnten hatten: die Generäle. Die im Westen durchaus mit einer Portion Angstlust gewürzte Fixierung auf die Islamisten und ihren im Ausmaß überraschenden Wahlsieg hat das wahre Machtzentrum des Landes zuletzt etwas aus dem Blickfeld verdrängt.

Stärker denn je wird dieser Tage deutlich: Der Sturz eines Diktators ist nicht einmal die halbe Miete für das Gelingen einer demokratischen Revolution, bestenfalls der unerlässliche Anstoß. Ein Jahr, nachdem die Ägypter ihren Pharao in die Wüste - und auf die Anklagebank - geschickt haben, sind die Machtverhältnisse alles andere als geklärt. Klar ist nur, dass sich Muslimbrüder und Armee arrangieren müssen. An keiner der beiden Gruppen ist ein Vorbeikommen. Seit Monaten wird an mehreren Fronten mit harten Bandagen "ausgehandelt", wie die Kräfteverhältnisse in diesem Arrangement sein werden. Die Ereignisse von Port Said und noch mehr der Umgang damit sind nur ein Teil dieses erbitterten Machtkampfs.

Ägypten ein Jahr nach der Revolution ist damit auch ein Mahnmal für den Westen, die arabischen Staaten im Transformationsprozess stärker zu begleiten und zu unterstützen. Nicht überall sind die Voraussetzungen so günstig wie in Tunesien: Libyen ist auf dem besten Weg, ein gescheiterter Staat zu werden; Syrien, wo der in die Enge getriebene Diktator offenbar das ganze Land mit in den Untergang nehmen will, der nächste Kandidat. Ein Kandidat, der nicht nur -Stehsatz der Nahost-Weisen - den Schlüssel zum Frieden in der Hand hält, sondern auch den Schlüssel zu regionalem Chaos.

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