TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" Mittwoch, 1. Februar 2012, von Wolfgang Sablatnig: "Strache und die Ausweglosigkeit"

Innsbruck (OTS) - Untertitel: Der FPÖ-Chef schießt sich nicht ins Out, weil er ein Nazi ist, sondern weil er aus Kalkül mit dem Ewiggestrigen spielt. Je mehr sich Strache aber ins Out schießt, umso mehr kettet er SPÖ und ÖVP aneinander.

Um eines klarzustellen: Gewalt, aus welcher politischen Ecke auch immer, ist auf jeden Fall abzulehnen. Ob das nun körperliche Gewalt gegen Besucher des Wiener Korporationsballs ist oder eine Attacke gegen eine Burschenschafter-Bude.
Diese Gewalt ist auch deshalb abzulehnen, weil sie Heinz-Christian Strache die Chance bietet, sich, die FPÖ und die Burschenschafter als Opfer zu stilisieren.
Ein Opfer ist Strache aber nicht, egal ob sein Vergleich der Judenverfolgung mit den Protesten gegen den Burschenschafterball in einem privaten Gespräch gefallen ist oder nicht. Ein Parteichef der -je nach Umfrage - vielleicht sogar größten Partei des Landes und selbst erklärter Kanzlerkandidat, der im vertraulichen Gespräch mit Freunden mit dem schrecklichsten Erbe unserer Vergangenheit spielt, ist genauso unerträglich wie einer, der das öffentlich tut.
Und wenn Strache im Internet dann auch noch das "Wehret den Anfängen" der Antifaschisten für sich vereinnahmt, bläst er sich selbst, aber auch die Demonstranten zu einer Bedeutung auf, die beide hoffentlich nie haben werden.
Da mag Strache das "Nazis raus" der Demonstranten vom Samstagabend für sich persönlich noch so sehr zurückweisen. Als gewählter Abgeordneter der Republik hat er auch jedes Anrecht auf diese Unschuldsvermutung. Wie einst Jörg Haider versteht er es jedoch, sich dennoch die Gunst der alten und jungen Ewiggestrigen zu erhalten. Dieses Doppelspiel entwertet aber jede Distanzierung und bietet allen Anlass für Kritik an seinen Aussagen.
Strache hat sich mit seinem inakzeptablen Vergleich auch als möglicher Partner einer Bundesregierung ins Out geschossen. Bundeskanzler Werner Faymann tut sich da leicht, er hat Strache schon immer abgelehnt - ausgegrenzt, wie es im blauen Opfer-Jargon heißt. Schwieriger ist es für Vize Michael Spindelegger. Der ÖVP-Chef betont zwar, dass sich Strache "außerhalb jeder Möglichkeit einer Zusammenarbeit stellt". Das Nein zu einer Koalition mit der FPÖ kommt Spindelegger aber nicht über die Lippen.
In diesem Zwiespalt wird auch die Ausweglosigkeit der österreichischen Parteienlandschaft sichtbar. Ihre einstige Stärke haben die "Großparteien" längst verspielt. Miteinander wollen sie schon lange nicht mehr. Rein rechnerisch ist außer den Blauen aber keine Absprungbasis in Sicht - auch nicht nach der nächsten Wahl.

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