DER STANDARD-Kommentar "Die deutsche Verpflichtung" von Thomas Mayer

EU-Staaten kritisieren Berlin // Ausgabe vom 30.1.2012

Wien (OTS) - Es gibt Reden großer Menschen, die man sein Leben
lang nicht vergisst. Eine solche hat Francois Mitterrand 1995 im EU-Parlament in Straßburg gehalten. Von einer Krebserkrankung schwer gezeichnet, erzählte der französische Präsident sein Leben, von Erfahrungen mit den Deutschen, vom Krieg, vom Leid der Menschen, von Aussöhnung. Er beendete sie mit dem Satz: "Nationalismus, das ist Krieg!" Dann ging er. Nicht wenigen Zuhörern im Plenum liefen die Tränen über das Gesicht. Monate später war Mitterrand tot, seine Rede ein Vermächtnis.
Nun hat Marcel Reich-Ranicki eine Schlüsselrede gehalten, im Bundestag, am Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz. Der aus Polen stammende Literaturkritiker erzählte in einfachen Worten, was er am 22. Juli 1942 im Warschauer Ghetto als Übersetzer erlebte. Es war der Tag, an dem SS-Sturmbannführer Höfle (ein Österreicher) die Deportation hunderttausender Juden nach Treblinka anordnete. Er schloss mit den Worten: Die "Umsiedlung" hatte "nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod".
Da blieb es ewig lange still unter den Abgeordneten. Über Europa, neuen Nationalismus, Eurokrise, den Sinn von Solidarität verlor Reich-Ranicki kein Wort. Dennoch: So eindringlich hat schon lange keiner mehr erklärt, was wir an Europa haben, dass Geschichte lebt. Deutsches Auftrumpfen über andere Nationen braucht niemand. Gefragt ist deutsche (und österreichische) Verantwortung.

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