"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Alle Hoffnung ruht auf Angela Merkel"

Nur Merkel kann die Euro- Krise lösen. Keiner muss die Deutschen fürchten.

Wien (OTS) - In der kommenden Woche reisen die Staats- und Regierungschefs wieder einmal nach Brüssel, um die Europäische Union und den Euro zu retten. Geht es nach dem Chef der Weltbank, Robert Zoellick, gibt es da nur eine Chance: Deutschland muss die politische Führung übernehmen. Nur Bundeskanzlerin Angela Merkel könne Europa aus der Krise führen.
Nun hat Angela Merkel in ihrem politischen Leben alles erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Ehemalige politische Rivalen verließen die Politik, wie der hessische Ministerpräsident Roland Koch, oder wurden neutralisiert, wie Christian Wulff, der ihr als angeschlagener Bundespräsident nicht mehr in die Quere kommen wird. Und Frankreichs Staatspräsident Nicholas Sarkozy hat von Merkel gelernt, dass er "nach deutschen Konzepten haushalten muss", wie der Berater des Präsidenten, Alain Minc, in dieser Woche in einem Interview mit dem Spiegel erzählte.
Aber die politische Architektur Europas nach dem 2. Weltkrieg wurde nach dem Spruch des früheren NATO-Generalsekretärs Lord Ismay entworfen: Die Russen von Europa fernhalten, die Amis einbinden und die Deutschen klein halten. Die deutsch-französische Freundschaft wurde darauf aufgebaut, dass die Franzosen die politische Führung übernehmen, während sich die Deutschen mit ihrer wirtschaftlichen Überlegenheit zufriedengeben. Das funktioniert plötzlich nicht mehr. Sarkozy ist angeschlagen und die Regierungschefs der anderen großen EU-Länder sind erst kurz im Amt.
Jeder deutsche Bundeskanzler war sich seiner historischen Verantwortung bewusst. Und im Zuge des Wirtschaftswunders wurde schnell klar, dass politische Bescheidenheit Voraussetzung für weitere Exporterfolge sein würde. Dafür konnte es sich vor allem Bundeskanzler Helmut Kohl leisten, Differenzen in der EU mit deutschem Geld zu kalmieren.
Doch kaum wird Angela Merkel geradezu dazu gezwungen, die EU zu führen, da spielen die britischen Boulevardzeitungen schon mit Emotionen gegen die Deutschen. Merkel-Fotos mit Hitlerbärtchen und SS-Schleife sind der absurde Ausdruck dafür, dass Ressentiments gegen ein starkes Deutschland sehr schnell abrufbar sind.
Dazu kommen Vorwürfe, die Deutschen hätten durch ihre auf niedrige Löhne aufgebauten Exporterfolge die Krise erst so richtig verschärft. Das ist besonders absurd. Die Leute kaufen eben lieber deutsche Autos, weil sie attraktiver sind als andere.
Frau Merkel wird bei den Wahlen im kommenden Jahr ihren Koalitionspartner FDP verlieren, aber nach aktuellen Umfragen in der bequemen Situation sein, zwischen einer Regierung mit der SPD und den Grünen zu wählen. Bis dahin muss sie mit viel Geschick Europa anführen und dabei die anderen Länder so einbinden, dass niemand von deutscher Hegemonie spricht. Das würde die notwendige Rettungsaktion gefährden.

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