Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Wenn die Arbeit ausgeht"

Ausgabe vom 28. Jänner 2012

Wien (OTS) - Die EU hat erkannt, dass budgetäre Sparmaßnahmen gut und schön sind. Wenn aus diesem Grund aber ohne jede Gegenwehr zehntausende Jobs verschwinden, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Tuns. Kommenden Generationen etwas weniger Schulden zu hinterlassen, ist sympathisch und richtig. Aber kommenden Generationen keine Job- und Berufsmöglichkeiten zu hinterlassen, wiegt schwerer.

Ohne Wohlstandsverlust in den reichen Industrienationen wird sich die Krise ohnehin nicht beseitigen lassen. Wenn Europa aber auch noch seine Industrien verliert, potenziert sich dieser Verlust. Und in vielen europäischen Ländern geraten die demokratischen Systeme arg in Bedrängnis. In Griechenland zum Beispiel wurde bereits diskutiert, ob es zu einem Militärputsch kommen könnte.

Vor einer "verlorenen Generation" warnen sozialdemokratische und konservative Politiker gleichermaßen. Österreich hat sich bei der Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt geschickter verhalten als andere Länder. Dies ist zum Teil schon auf die Regierungsprogramme zurückzuführen. Zum größeren Teil liegt der Grund aber in einer funktionierenden Gewerbe- und Industriestruktur - einem Mix aus Groß- und mittelständischen Betrieben. Länder ohne diese gesunde Wirtschaftsstruktur haben eine grauenhaft hohe Jugendarbeitslosigkeit.

Wer aber mit 16 oder 18 Jahren keine materielle Basis für sein Leben erkennen kann, wird auf die gewählten Politiker bald pfeifen.

Europa hat also viele Bälle in der Luft, und ob alle gefangen werden können, ist mehr als unsicher. Zum einen darf der Sparkurs nicht übertrieben werden, muss aber trotzdem stattfinden. Zum anderen muss es eine Liberalisierung der Arbeitsmärkte geben - unter Aufrechterhaltung der sozialen Sicherheit. Nur offene Märkte schaffen Ideen und Jobs.

Ob die EU-Regierungschefs, die bisher in der Krise nicht die beste Figur gemacht haben, diese eierlegende Wollmilchsau finden und einfangen können, wird sich zeigen. Wenn das Augenmerk nun wieder auf Wachstum gelenkt wird und darauf, wie die produzierende Wirtschaft besser abgesichert werden kann, ist das ein Fortschritt. Dazu gehören beispielsweise die kontinuierliche Ausbildung junger Menschen und eine sozialpartnerschaftlich ausgerichtete Wirtschaftspolitik. Alles andere würde Europa zugrunde richten.

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