WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die gefährliche Sehnsucht nach dem Ende - von Hans Weitmayr

Die Reiter der Apokalypse scheinen vor Davos angekommen zu sein

Wien (OTS) - Endzeitfantasien, das Spiel mit der Dystopie - also
dem Gegenentwurf zur Utopie -, all das ist wohl zumindest so alt wie die Schrift selbst. 2012 sind Gedanken an das Ende der Dinge, den -bereits untergegangenen - Maya sei Dank, besonders en vogue: Verlage bringen ganze Magazinreihen heraus, die sich einzig dem Ende der Welt widmen, dieser Tage scheinen die Reiter der Apokalypse sogar kurz vor den Toren Davos zu stehen. Das prominenteste Risikoszenario des aktuellen WEF-Risikoreports trägt nämlich den wohlig-gruseligen Titel "Seeds of Dystopia". Darin ist vom möglichen Fall von "einst reichen Ländern" - vulgo Westeuropa - die Rede, die angesichts demografischer Risiken und erdrückender Schulden schlicht in "Rechtlosigkeit und Unruhe" versinken könnten. WEF-Präsident Klaus Schwab spricht von einem "globalen Burn-out-Syndrom". Er meint damit wohl die handelnden Politiker - die Verfasser des Reports könnte er aber gleich mit einbeziehen.
Denn die Romantik der Endzeit und die klammheimliche Sehnsucht nach derselben sind tatsächlich ein Zeichen von Erschöpfung. Es schwingt die heimliche Hoffnung mit, dass ein Kahlschlag alles zum Besseren wendet. Ein solcher Wunsch kann sich aber erst dann manifestieren, wenn man zuvor in Wirklichkeit schon einigermaßen aufgegeben hat. Es fehlt die Energie, die Kraft, gegen den Niedergang anzukämpfen, man gibt sich dem Abstieg hin und geht davon aus, dass mit dem radikalen Ende des jeweiligen Systems auch dessen Probleme beseitigt sind.
So weit, so richtig. An sich. Nur leider stellen sich die Probleme für die von einer Endzeit Betroffenen in der Regel schlimmer dar als unmittelbar davor. Denn wenn an einem Ort ein Ende einsetzt, beginnt regelmäßig an anderer Stelle eine neue, eine bessere Zeit. Der Schlüsselgedanke ist: "An anderer Stelle".

Für Europa würde der Niedergang - politisch, wirtschaftlich, kulturell, sozial - keine Katharsis auslösen, an deren Schlusspunkt ein frischer, erstarkter Kontinent steht, sondern ein ausgelaugter, ausgebluteter Flecken Erde, der für Generationen im Schatten anderer, dynamischerer Regionen stehen würde.

Das heißt nicht, dass man Dingen, die falsch laufen, nicht tatsächlich ein Ende setzen soll. Ein solches für Griechenlands Schuldendienst ist nach der Bankenrettung durch die EZB durchaus anzudenken. Man darf nur nicht das gesamte Projekt der EU - und somit wohl auch das des Euro - zu Grabe tragen. Europa hat seine Defekte -ohne Frage. Aber es geht uns allen mit Europa besser als ohne. Dafür lohnt es sich, zu kämpfen. An ihrer Endzeit können andere arbeiten.

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