TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 24. Jänner 2012 von Florian Madl "Eine Ski-Posse archaischen Ausmaßes"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Die Art und Weise, wie Marcel Hirscher die Slalomstangen anvisiert, führt zu Irritationen zwischen Österreich und Kroatien. Worte werden wie Fehdehandschuhe in den Ring geworfen, der Ski-Chauvinismus gipfelt heute in Schladming.

Simmering gegen Kapfenberg mag Helmut Qualtinger zufolge Brutalität bedeuten. Aber jene Metaphern, mit denen der zum Kriegsschauplatz erhobene Zielhang in Schladming seit gestern bedacht wird, spotten jeder Beschreibung. Und folgen jene, die das allzu wörtlich nehmen, den diversen Facebook-Einladungen tatsächlich, erlebt die Planai beim heutigen Nachtslalom so etwas wie Simmering gegen Kapfenberg 2.0. In Nebenrollen: die Skifahrer. In möglichen Hauptrollen: kroatische Hooligans und erhitzte Österreich-Fans. Ein Länderkampf, in dem handfeste Argumente den Vorzug erhalten könnten.
Allein die hitzige Diskussion darüber, ob Marcel Hirscher Slalomstangen nun regelkonform umkurvt oder nicht und wie er auf sein mögliches Vergehen reagiert (oder nicht), löste das aus. Eine Posse, die einem Multiorganversagen der Ski-Szene gleichkommt und die in überbordendem Ski-Chauvinismus gründet: Boulevard-Medien, die mit Fotomontagen und griffigen Titeln Gefechtsstimmung erzeugen. Funktionäre, die sich mit überflüssigen Wortspenden hervortun. Und von Tagesaktualitäten erhitzte Sportler, die sich im Ton vergreifen. Hobby-Historiker Ivica Kostelic, in kroatischen Medien nach einigen Semestern Geschichtsstudium zum "Professor" erhoben, griff kürzlich ein Zitat rund um die Schlacht von Agincourt (1415) auf und sprach nach dem vermeintlich gestohlenen Zagreb-Sieg von Hirschers "ewiger Schande". In Kroatien, das den Sport wie wenige andere Länder als Spielplatz der nationalen Identität begreift, ein Zündfunke. Fußball-, Wasserball- und Basketballspiele mutieren häufig zur Frage der Ehre.
Und plötzlich gerät auch der Skisport, umwoben von alpinem Charme und traditionell Tummelplatz einiger weniger Länder, in dieses Fahrwasser. Nicht das erste Mal übrigens: Hermann Maiers Verspätung bei Streckenbesichtigungen, Simon Ammans innovative Stabbindung, Wunderwachs, zu weite oder regelwidrig konzipierte Anzüge ließen schon des Öfteren die Volksseelen schäumen. Und immer mittendrin: die Österreicher. Pikiert, von Nadelstichen in helle Aufregung versetzt. Es ging um ihren Sport, um ihre Sportler. Wenn jene bisweilen lächerlich anmutende Ski-Euphorie in Hysterie kippt, wenn plötzlich wir die Rolle unserer Sportler einnehmen, droht Gefahr. Dann beginnt die Suche nach Sündenböcken. Und das hat nur nötig, wem es an Selbstsicherheit mangelt.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001