TIROLER TAGESZEITUNG "Leitartikel" vom 23. Jänner 2012 von Florian Madl "Das EURO-Trauma scheint vergessen"

Innsbruck (OTS) - Utl.: Nach dem ökonomischen Flop der Fußball-Europameisterschaft 2008 rehabilitierte sich Tirol mit den Olympischen Jugend-Winterspielen. Die heimische Bevölkerung scheint versöhnt, den Kassasturz gilt es abzuwarten.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis sich die Verantwortlichen nach den gestern zu Ende gegangenen Olympischen Jugend-Winterspielen auf die Schultern klopfen würden. Diese Einigkeit wurde der Tiroler Bevölkerung schon im Anschluss an die Fußball-Europameisterschaft 2008 suggeriert, bekanntermaßen ein ökonomischer Flop.
Nach der stimmungsvollen Schlussfeier einer Veranstaltung (Budget:
23,7 Mio. Euro), die besagter EURO (35 Mio. Euro) finanziell um nicht viel nachstand, fiel der Applaus indes verhaltener aus. Erst nach dem Kassasturz in einigen Wochen wolle man sich eine Schulnote geben. Emotional betrachtet verdienen sich die Jugendspiele allemal ein "Sehr gut". Die Tiroler gewannen an den vergangenen zehn Tagen tatsächlich den Eindruck, dem Motto gemäß "Teil gewesen zu sein". Und sie verstanden sich dabei nicht bloß als jener Teil, der zahlte. Für die 15 Millionen Euro aus öffentlichem Geld (je fünf von Stadt, Land und Bund) wurde ein Spektakel mit Augenmaß geboten, das neben 63 Medaillenentscheidungen ein gleichermaßen ansprechendes Rahmenprogramm beinhaltete. Wer kochen wollte, wurde inspiriert. Und wer sich Usbekistan im Rahmen einer bunten Collage nähern wollte, dem wurde auch das ermöglicht. Als gestern der Vorhang fiel, nickten selbst hartnäckige Skeptiker anerkennend.
Jacques Rogge, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees und Initiator des Projekts Jugendspiele, ist Tirol in der Tat zu Dank verpflichtet. Das Versprechen, für die 15- bis 18-jährigen Teilnehmer keine Spiele der Gigantomanie in den Schnee zu zaubern, wurde gehalten.
Somit ist es am Belgier, die Zuwiderhandelnden aus dem vorwiegend asiatischen Raum endlich zur Räson zu rufen. In Singapur umfassten allein die Kosten der Eröffnungsfeier das Innsbrucker Gesamtbudget. Und seit chinesische Städte die olympische Bewegung als PR-Plattform für ihr Regime entdeckt haben, häufen sich auch für das Format Jugendspiele die Bewerbungen. Veranstaltungen, für die Yen-Druckmaschinen angeworfen werden und die Infrastruktur ohne Rücksicht auf die Bürger in den Boden gestampft wird.
Was Jacques Rogge in Tirol erlebte, war so gesehen die heile olympische Welt. Eine Atmosphäre, in der sich das sensible Thema Jugendwettkampf nicht mit staatlicher Propaganda und ausufernder Kommerzialisierung vermengte. Und nur in diesem Rahmen hat das Projekt Olympische Jugendspiele Zukunft.

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