"DER STANDARD"-Kommentar: "Die Schlacht um den ORF" von Michael Völker

Eine selbstbewusste Belegschaft hat einen ersten Etappensieg errungen - Ausgabe vom 20.1.2012

Wien (OTS) - Um Niko Pelinka muss man sich keine Sorgen machen. Er wird sich abbeuteln und weitergehen. Er hat einen anderen Job. Er ist tüchtig, das sei ohne Zynismus gesagt. Aber es ist gut, dass er diesen einen Job am Küniglberg nicht bekommen hat. Gut auch für ihn, noch besser für den ORF.
Der ORF, vor allem aber die vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen, die in den vergangenen Tagen auf die Barrikaden gestiegen sind und ihrem Unmut, ihrem Zorn, ihrer Empörung Luft gemacht haben - sie sind die Sieger dieser Auseinandersetzung. Gratulation._ Sie haben ihren Chef in die Knie gezwungen. Zu Recht und mit redlichen Mitteln.
Der ORF insgesamt geht aus dieser Auseinandersetzung gestärkt hervor, sein Direktor allerdings ist angeschlagen. Er ist der Verlierer dieser Job-Groteske. Er hat sein Gesicht verloren und muss jetzt um seine Glaubwürdigkeit kämpfen. Es ging ja nicht nur um Pelinka, es ging um viel mehr, aber Pelinka war die perfekte Projektionsfläche für diese grundsätzliche Auseinandersetzung.
Es geht um politische Einflussnahme in einem angeblich unabhängigen Medium, das im Besitz der Republik steht, also den Bürgerinnen und Bürgern gehört. Diese Unabhängigkeit wurde - und wird - von der Politik nicht geachtet. Die SPÖ glaubt, hier nach Belieben schalten und walten zu können. Die ÖVP im Übrigen auch, sie stellt sich derzeit nur nicht ganz so ungeschickt an. Und wenn die Grünen, wenn die FPÖ oder das BZÖ glauben, sie können hier mitspielen und politisches Kapital aus Vereinbarungen und Abmachungen schlagen, dann tun sie es auch. Ganz ungeniert.
Darum ist der Sieg der Belegschaft über einen möglichen Büroleiter Pelinka umso größer einzuschätzen. Unterstützung aus der Politik gab es keine. Gar keine.
Dass die redaktionelle Freiheit im ORF heute größer ist als je zuvor, ist richtig. Das liegt an der ORF-Belegschaft, die das Übliche eben nicht als üblich hinzunehmen bereit ist, die Zustände nicht mehr toleriert, nur weil das halt immer schon so war. Die Redaktion ist mündiger geworden. Auch die Konsumentinnen und Konsumenten sind mündiger geworden, sie haben die Debatte um die jüngsten Postenbestellungen sehr aufmerksam mitverfolgt und sie in diversen Foren, am Arbeitsplatz oder auch im Freundeskreis eifrig kommentiert.

Dass jemand, der gerade noch Fraktionschef des SPÖ-Freundeskreises im ORF-Stiftungsrat war und die Wiederwahl von Wrabetz zum ORF-Generaldirektor dirigiert hat, daraufhin sein Büroleiter wird, das geht nicht. Das ist höchst unanständig. Und es war auch unglaublich ungeschickt von Wrabetz, das nur nebenbei.
Es gehen aber noch ganz andere Sachen nicht: Dass sich die Landeshauptleute die Intendanten "ihrer" Landesstudios selbst aussuchen dürfen - geht nicht. Dass Stiftungsräte, die bisher in dieser Funktion nur ihren Parteien verpflichtet waren, direkt in leitende und einflussreiche Jobs im ORF gehievt werden - geht nicht. Dass die Parteien so schamlos bedient werden, dass etwa auch die FPÖ mit einer Morgengabe für einen ihrer Günstlinge abgefunden wird -geht nicht. Dass politische Tauschgeschäfte wichtiger sind als die fachliche Qualifikation - geht nicht.
Die Schlacht um die Unabhängigkeit des ORF wurde am Donnerstag mit dem Rückzug von Pelinka nicht entschieden, sie wurde erst begonnen.

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