Die Presse - Leitartikel: "Erst löschen, dann über Wasserschäden diskutieren", von Josef Urschitz

Ausgabe vom 19.01.2012

Wien (OTS) - Die kommende Rezession fällt milde aus - wenn nichts Großes mehr passiert. So, wie die Euro-Politik agiert, sollte man das nicht ganz ausschließen.

Fragt man österreichische oder deutsche Unternehmer, wie stark die kommende Rezession denn ausfallen werde, dann lautet die Standardantwort: "Welche Rezession? Unsere Auftragsbücher sind voll!" Fragt man dagegen Prognoseinstitute oder gar die Weltbank, dann bekommt man leicht weiche Knie: Das Szenario für die Weltwirtschaft sei "düster", heißt es etwa in der gestern veröffentlichten jüngsten Prognose der Weltbank für die Konjunktur. Global werde das Wachstum auf 2,5 Prozent zurückgehen. Die Industrieländer - speziell die der Eurozone - müssten gar mit einer Schrumpfung des Bruttoinlandsprodukts rechnen. Und, setzen die Weltbank-Prognostiker hinzu: Wenn die Prognose nicht hält, dann kommt es schlimmer. Abweichungen werden eher nach unten als nach oben geschehen.
Bei Konjunkturprognosen ist eines sicher: die Revision nach drei Monaten. Und eine alte Ökonomenweisheit lautet, dass das Schlimmste dann überstanden ist, wenn wirklich alle die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und die Krise bejammern. Gut möglich, dass die österreichischen Unternehmer zu optimistisch und die Weltbank-Experten zu pessimistisch sind.
Ein gutes Barometer sind in solchen Situationen die Börsen: Wer viel Geld auf Basis von Zukunftsszenarien investiert, ist darauf angewiesen, dass seine Prognosen besonders sorgfältig erarbeitet sind. Wenn sie die Realität nicht treffen, dann gibt es in diesem Fall nämlich keine achselzuckende Revision, sondern einen schmerzhaften Verlust.
Die großen Börsenindizes zeigen sich seit Jahresbeginn bemerkenswert stabil. Das heißt, die Anleger gehen vom ersten Teil des Weltbankszenarios aus: von einem scharfen Wachstumsrückgang in den Emerging Markets und einer milden Rezession in der Eurozone, die freilich in einzelnen Peripherie-Eurostaaten durchaus schmerzhaft ausfallen kann. Beides ist seit Herbst Common Sense, in den Börsenkursen also längst eingepreist. Wir können demnach davon ausgehen, dass die beginnende Konjunkturkrise wesentlich milder ausfällt als jene 2008/2009.
Wenn, ja wenn nichts Großes mehr passiert. Denn ein größeres "Kreditereignis" - etwa ein ungeordneter Zusammenbruch Griechenlands - würde all die (vergleichsweise) schönen Prognosen sofort zu Makulatur machen und wirklich schwere konjunkturelle Schockwellen um den Globus schicken.
Leider ist diese Gefahr sehr real. Und wenn man sich ansieht, wie die Politik der Eurozone bisher auf die Krise reagiert hat, dann ist der aufkeimende Optimismus schnell wieder dahin. Die Entscheidung über Absturz oder Nichtabsturz der Weltkonjunktur fällt in den nächsten Wochen in den europäischen Staatskanzleien. Wenn nach dem bisher praktizierten Muster weitergemurkst wird, dann werden wir sehr böse Überraschungen erleben.

Für die diversen Krisenfeuerwehrleute in Regierungen und globalen Finanzinstitutionen wird es jetzt übrigens auch langsam Zeit, mit der Wahrheit herauszurücken. Diese lautet: Vorübergehend geht es jetzt nicht um ideologische Kinkerlitzchen oder akademischen Streit zwischen verschiedenen ökonomischen Lehrmeinungen. Jetzt geht es darum, das lichterloh brennende Haus Eurozone zu löschen, bevor der Vollbrand außer Kontrolle gerät. Die EZB wird also wohl mit der Bazooka auffahren müssen. Und die demokratiepolitisch äußerst bedenklichen Eingriffe der EU in die Budgethoheit von Eurostaaten -wie sie in Griechenland und Italien de facto ja schon praktiziert werden - werden sich wohl häufen.
Jetzt sollte man nicht darüber diskutieren, ob das gut oder schlecht ist oder ohnehin längst mehrfach gebrochenen Verträgen entspricht, sondern darüber, wie man das nach hoffentlich erfolgreicher Sanierung wieder auf die Reihe bekommt, ohne dass "Löschwasserschäden" in Form von hoher Inflation und gewachsenen Demokratiedefiziten übrig bleiben.
Das braucht auf Europa-Ebene freilich Politiker, die endlich anpacken. Und nicht, wie bei uns, darüber diskutieren, wie man irgendwann ab 2016 beginnen kann, den Staatshaushalt in Ordnung zu bringen.

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